Gespanntes Warten auf Köppel - Büchel zeigt sich trotz Weltwoche-Flop versöhnlich
20. Oktober 2015
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Rheintaler, Thurgauer Zeitung, Appenzeller Zeitung, und div. Tagblatt-Kopfblätter

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Im Sturm hat «Weltwoche»-Chef Roger Köppel den Nationalrat erobert. Das könnte in der SVP-Fraktion für Unruhe sorgen. SVP-Parlamentarier aus der Ostschweiz trauen Köppel den Spagat zwischen Journalismus und Parlament zu.

Christian Kamm

Was für eine Wahl. Dass Roger Köppel in den Nationalrat einziehen würde, war erwartet worden. Nicht aber so. Trotz schlechtem Listenplatz katapultierte sich Köppel an gestandenen SVP-Granden vorbei mit einem Rekordergebnis in die grosse Kammer in Bern. Im Gepäck die geballte Medienmacht der «Weltwoche».

Im Visier der «Weltwoche»

Spätestens jetzt müsste sich eigentlich auch die SVP-Fraktion Gedanken machen: Wird sich der Überflieger aus Zürich integrieren lassen? Kann man ihn einbinden? Zumal die «Weltwoche» in jüngster Zeit mehrfach bewiesen hat, dass sie weder vor SVP-Bashing zurückschreckt («Die dunklen Seiten der Siegerpartei»), noch davor, einzelne künftige Fraktionskollegen Köppels aufs Korn zu nehmen.

Ein Lied davon singen kann der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel. In der vorletzten Ausgabe schoss die «Weltwoche» unter der Affiche «Die Fifa-Heuchler» aus vollem Rohr gegen den Rheintaler und stellte dessen Glaubwürdigkeit als Fifa-Kritiker in Frage. Und das ein paar Tage vor den eidgenössischen Wahlen. Büchel kochte, auch weil er nicht einmal zu den Vorwürfen hatte Stellung nehmen dürfen.

Knochenarbeit leisten

Unterdessen ist nicht nur Köppel gewählt, auch Büchel hat die Wiederwahl in den Nationalrat geschafft. Auf Anfrage gibt er sich versöhnlich. Köppel habe eine Gratwanderung vor sich, die schwieriger sei als bei anderen Gewählten. Aber mit Peter Keller sitze bereits ein «Weltwoche»-Mitarbeiter in der SVP-Fraktion, und da gebe es keine Probleme, sagt Büchel.

«Ich gehe davon aus, dass das mit Roger Köppel nicht anders sein wird.» Ausserdem existiere in jeder Fraktion eine Art Hackordnung, in der man sich zuerst nach oben arbeiten müsse. «Ich bin mir aber sicher, dass Köppel sich diese Achtung mit parlamentarischer Knochenarbeit erarbeiten wird», gibt Büchel dem Newcomer mit auf dem Weg.

Auch Thurgauer SVP-Parlamentarier waren jüngst das Ziel von Attacken in Köppels Blatt: Als Landwirtschaftsvertreter seien sie zu regulierungsfreundlich und weit vom Pfad wirtschaftspolitischer Tugend entfernt. Der Thurgauer SVP-Nationalrat und ehemalige Nationalratspräsident Hansjörg Walter sagt zwar, dass die Kritik nicht gut angekommen sei, nimmt sie aber professionell. Er habe nichts dagegen, wenn die SVP-Politik hinterfragt werde, aber es sollte sauber recherchiert sein und vor allem stimmen. «Was wir hier erlebt haben, war zum Teil oberflächlich», kritisiert Walter die Kritik. Trotzdem verspricht er sich vom «Weltwoche»-Chef politische Inputs. «Das tut unserer Fraktion gut.» Schlecht käme es an, wenn Köppel von Anfang an verbal auftrumpfen würde, glaubt Walter. Vielmehr würde er gut daran tun, zuerst einmal zuzuhören und zu beobachten «und so das Vertrauen der Fraktion zu gewinnen».

Für Markus Hausammann, auch er SVP-Nationalrat (TG) und zudem kantonaler Bauernpräsident, ist vor allem die Fraktionsspitze gefordert. Er zähle auf die Eigenverantwortung Roger Köppels, aber falls ihm die Fraktionsführung einen Sonderstatus gewähre, «dann wird es schwierig», prognostiziert Hausammann. Das ändere aber nichts daran, dass er der Zusammenarbeit mit Köppel gelassen entgegensehe.

Den Spagat schaffen

Schon die Grösse sei eine Herausforderung für die SVP-Fraktion in der neuen Legislatur, sagt Ständerat Roland Eberle (TG). Darüber hinaus stelle sich die Frage, wie mannschaftsdienlich ein Roger Köppel oder eine Magdalena Martullo-Blocher ihr Potenzial nutzten. Die Fraktion habe an Substanz gewonnen, so Eberle, es seien Leistungsträger gewählt worden. «Ich bin sehr gespannt, ob man diese Kraft auf den Boden bringt.» Für Köppel sei die Herausforderung riesig. Aber er sei intelligent genug, den Spagat zwischen Journalismus und Parlament zu schaffen. «Von einem professionellen Journalisten erwarte ich, dass er das trennen kann.»

Roger Köppel war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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