Das FBI ermittelt - Fifa-Kritiker hoffen auf Tsunami
6. April 2013
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Appenzeller Zeitung, Der Rheintaler, Wiler Zeitung, Toggenburger Tagblatt, div. Regionalzeitungen

Fifa-Kritiker hoffen auf Tsunami

Der Weltfussballverband kommt nicht zur Ruhe: Nun dehnt das FBI die Ermittlungen gegen die Fifa aus. Derweil weisen die Schweizer Behörden ein Rechtshilfegesuch aus Argentinien zurück.

Eigentlich würde Joseph Blatter lieber über Anderes sprechen. Über die Emotionen, die der Fussball weckt. Über die Brücken, die er baut. Über die Erfolgsgeschichte seiner Fifa. Doch Blatter kann sich – wie kürzlich im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» – die Gesprächsthemen nicht selber aussuchen.

Die Kontrolle darüber, wie die Öffentlichkeit über die Fifa spricht, ist ihm längst entglitten. Wenn die Fifa zum Thema wird, dann stehen seit Wochen und Monaten Korruption, Schmiergeld-Affären oder dubiose WM-Vergaben im Vordergrund.

An dieser von Blatter so ungeliebten Konstellation dürfte sich so schnell nichts ändern. Die Anzeichen haben sich verdichtet, dass das FBI, die mächtige US-Bundespolizei, Ermittlungen in den Kreisen des Weltfussballverbandes ausgedehnt hat.

Fifa-Kritiker wie der britische Journalist Andrew Jennings schöpfen neue Hoffnung: Endlich sollen jene Fifa-Mitglieder auffliegen, die sich für die Vergabe von Fernsehrechten oder Weltmeisterschaften schmieren liessen – und die noch immer in Amt und Würden sind.

«Drei Jahrzehnte institutionalisierte Korruption – personifiziert durch Präsident Blatter – könnten durch die FBI-Ermittlungen zu Ende gehen. Es könnte sehr bald ein paar freie Stellen bei der Fifa geben», sagt Jennings auf Anfrage. Die Agentur Reuters zitierte vor zwei Wochen eine Quelle in der US-Justiz: «Ein grosser Fall baut sich auf.»  

Der korrupte Funktionär aus Tobago

Der Mann, der schon vor 20 Monaten einen Tsunami im Innern des Weltfussballverbandes prognostizierte, heisst Jack Warner. Der einst so mächtige und von Blatter protegierte Funktionär aus der Karibik verkörpert all das, was die Fifa in Verruf brachte: Bestechlichkeit, Egoismus, Arroganz.

Warner, der sich mit seinen Ämtern ein Millionenvermögen aufbaute, weiss wie kaum ein anderer, wie das System funktioniert. Er und sein in Florida von den US-Behörden festgehaltener Sohn Daryan sollen nun die Kronzeugen des FBI sein. Trifft es zu, dass sich die Warners für ihre Fifa-Dienste mit Dollar-Noten bestechen liessen, kämen auch ihre Geldgeber ins Visier des US-Strafrechts und damit an die Öffentlichkeit. Wer in US-Dollars schmiert, bricht amerikanisches Recht.

Legt Warner alles auf den Tisch?

Wie das System Warner funktionierte, erfuhr auch der ehemalige Sportvermarkter Roland Büchel vor zwölf Jahren hautnah. Der heutige St. Galler SVP-Nationalrat war 2001 an der U-17-WM in Trinidad und Tobago, dem Heimatland Warners, für das Marketing zuständig.

Überteuerte Hotelrechnungen, dubiose Aufträge an seine Familie, überteuerte Preise: Die Mannschaften wurden gezwungen, über Warners Reisebüro zu buchen und so komplizierte Anflüge in die Karibik in Kauf nehmen. «Die Warners haben alleine bei diesem Anlass mehrere Millionen in den eigenen Sack gewirtschaftet», ist sich Büchel heute sicher.

Die Fifa intervenierte jedoch lange Zeit nicht. Den Grund nennt ein anderer Insider, der jahrelang Einblick in den innersten Fifa-Zirkel hatte: «Blatter hat fast alles für Warner getan.» So wurde für Warners Sohn beispielsweise ein Job geschaffen, damit es dieser ebenfalls auf die Lohnliste der Fifa schaffte.

Im Gegenzug sorgte Warner jeweils dafür, dass bei Wahlen die Stimmen aus der Karibik und Nordamerika zu Blatter gingen. Genau wegen dieser Nähe, sind sich die Fifa-Experten einig, kann er für Blatter und den innersten Machtzirkel des Weltfussballverbandes gefährlich werden, vorausgesetzt er legt gegenüber dem FBI alle Details auf den Tisch. 

Grondonas Millionen in der Schweiz

Dass die Fifa-Kritiker ihre Hoffnungen nun auf das FBI setzen, ist kein Zufall. Die Aussichten, dass der Weltfussballverband sich selber reformiert, bleiben getrübt. So liess das Fifa-Exekutivkomitee nach einer Sitzung kürzlich durchblicken, dass Amtszeitbeschränkungen, Lohntransparenz oder eine Ethikprüfung für Exekutivmitglieder nicht in Frage kämen.

Diese Vorschläge hätte der Basler Anti-Korruptionsexperte Mark Pieth dem Weltfussballverband unterbreitet – im Auftrag der Fifa. Dass von den ursprünglich mit grossen Worten angekündigten Reformen nach dem Fifa-Kongress Ende Mai auf Mauritius mehr übrig bleibt als ein paar inhaltsarme Strukturen, ist daher kaum zu erwarten.

Zu gross sind die langjährigen Seilschaften, zu gross die gegenseitigen Abhängigkeiten, zu ausgeklügelt das fein austarierte Machtsystem, das sich Blatter in mehr als 30 Jahren an den Schalthebeln der Macht geschaffen hat.

Ein gutes Beispiel für die kaum zu durchbrechenden Strukturen ist auch Julio Grondona, Blatters Vize. Im Herbst 2011 tauchten Dokument auf, die beweisen sollten, dass Grondona Dutzende Millionen mutmasslicher Schmiergeld-Dollars auf Auslandkonten versteckt, darunter mehrere Millionen bei der Hyposwiss, einer Tochter der St. Galler Kantonalbank.

Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, stellte Argentinien am 1. Februar 2012 tatsächlich ein Rechtsilfegesuch in dieser Sache an die Schweiz. Das Bundesamt für Justiz wies dieses jedoch wieder zurück. Die Begründung: Der Sachverhalt sei nicht konkret genug beschrieben worden, wie eine Sprecherin des Bundesamtes sagt.

Seither haben die Schweizer Behörden nichts mehr aus Argentinien gehört. Fifa-Experten wie der Deutsche Jens Weinreich vermuten, dass Grondona in der Zwischenzeit einen Deal eingefädelt haben könnte. Wie er das als Präsident des argentinischen Fussballverbandes in den vergangenen 33 Jahren so oft tat. Immer wieder wurden Vorwürfe laut, Grondona bereichere sich illegal. Nur nachweisen liess sich bisher nichts.

Fehlende gerichtliche Beweise heissen jedoch nicht, dass die Korruption nicht dennoch existiert. Die Geschichte der Fifa ist dafür Beispiel genug. 

«Ich bin mir sicher, dass sich die Korruptions-Vorwürfe nicht erhärten lassen», sagte Blatter immer wieder, angesprochen auf den ISL-Skandal – bis er im letzten Sommer zugeben mussten, dass sich hochrangige Fifa-Funktionäre, darunter sein Vorgänger João Havelange, bei der Vergabe von Fernsehrechten mit Millionen schmieren liessen. Die Akten, die das Bundesgericht veröffentlichte, liessen ihm gar keine andere Wahl mehr.

Eine Reise nach Marrakesch

Am 15. April nun soll der Richter der Fifa-internen Ethikkommission, Hans-Joachim Eckert, den Bericht zur ISL-Bestechungsaffäre vorlegen. Für Experten ist klar: Wenn die Fifa daraufhin ihre nachweislich korrupten Funktionäre und Würdenträger nicht sperrt, wird sie ihren Image-Schaden nicht beheben können.

Zur Zeit deutet jedoch auch hier wenig auf einen Kurswechsel hin.

So besuchte Blatter kürzlich den Kongress des afrikanischen Verbandes in Marrakesch. Dabei erneuerte er auch seine Seilschaft mit Verbandspräsident Issa Hayatou, der nachweislich  in den ISL-Skandal verwickelt war. Blatter überreichte Hayatou eine Anerkennungs-Medaille für 25 Jahre im Amt. Der Fifa-Präsident selber hat es erst auf 15 Jahre gebracht.

Jürg Ackermann

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