Fussball-WM: Wie korrupt ist die FIFA? - die Frage von ORF
3. Dezember 2010
Erschienen in: ORF

 

 

Fussball-WM: Wie korrupt ist die FIFA fragt ORF.

Zuschlag trotz schlechtester Noten

Vor allem wegen der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar drängt sich der Manipulationsverdacht förmlich auf. Eine WM in ein Land zu vergeben, in dem im Sommer Temperaturen bis zu 50 Grad herrschen, sei absurd, das Vorhaben der Scheichs die Stadien mit Klimaanlagen zu bestücken sei grotesk schreiben die meisten Kommentatoren. Tatsächlich hat Katar in allen offiziellen FIFA-Studien bei weitem die schlechtesten Noten bekommen. Dennoch erhielt Katar den Zuschlag. Nun wird spekuliert, dass das Exekutiv-Komitee der FIFA sich mit dieser Entscheidung mehr Macht und Geld sichern wollte.

Wegen Korruption suspendiert

Unterdessen stehen Vorwürfe gegen mehrere Mitglieder des FIFA Exekutiv-Komitees im Raum.

Zwei von ihnen waren wegen Korruption suspendiert und durften gar nicht mit abstimmen, gegen andere haben die Medien schwerwiegende Beweise zusammengetragen. So habe allein ein südamerikanischer Delegierter in den vergangenen Jahren an die neun Millionen Dollar von einer inzwischen in Konkurs gegangen Marketing Firma kassiert.

Nationalrat Roland Rino Büchel sagt: "100 Mio. Euro waren geschmiert"

Roland Rino Büchel, heute Schweizer Abgeordneter, hat vor einigen Jahren bei dieser Marketing-Firma gearbeitet. Er behauptet und belegt, dass die Summen weit höher waren: "Das wurde vor iim Jahr 2008 vor einem Zuger Gericht ganz klar geklärt. Es waren 138 Millionen Franken, also rund 100 Millionen Euro, die geschmiert wurden. Ohne Gegenleistung."

Seit den Recherchen der Sendung "Panorama" auf BBC 1 vom 29. November 2011 wisse man von rund zehn Prozent des Geldes, an wen es ging. Trotz der Beweise gegen die FIFA-Mitglieder wurde dort nichts unternommen. Das verbessert die Optik nicht, das stellt dem Verband kein gutes Zeugnis aus.

Ganz anders das IOC: Einer der Sportfunkionäre, welche Schmiergeld angenommen haben ist der Präsident des Afrikanischen Fussballverbandes, Issa Hayatou. Er ist sowohl Mitglied des FIFA-Exekutiv-Komitees als auch des IOC. Das hat sofort gehandelt und eine Untersuchung durch die Ethik-Kommission angekündigt. Der Kameruner gab darauf umgenend zu, dass er sich mit "Backschisch" schmieren liess. Das ISL-Geld sei allerdings nur ein etwas opulentes Geschenk zu seinem vierzigsten Geburtstag gewesen. Nicht beantowortet ist die Frage, weshalb solche "Geschenke" aus der mit 138 Millionen gefüllten, tiefschwarzen Bestechungskasse gemacht werden müssen...

"Wie ein Vogelzüchterverein"

Der ehemalige FIFA Marketing- und Wettbewerbskommissionsdirektor der FIFA, Guido Tognoni, glaubt zu wissen warum die FIFA sich so gewandelt hat: "Die Schamgrenze für krumme Geschäfte ist in gewissen Kulturkreisen einfach tiefer anzusetzen." Als zweiten Grund nennt Tognoni die juristischen Strukturen. "Die weltweit reichsten Sportinstitutionen sind organisiert wie ein Vogelzüchterverein. Die können machen was sie wollen, und das führt zu einer gewissen Abgehobenheit, die nicht sein müsste."

Zuckerl für Wiederwahl?

In dieses Bild passt auch, dass man hinter den Kulissen hört, FIFA-Chef Sepp Blatter habe bei der Entscheidung für Katar Druck gemacht. Denn dadurch seien ihm für eine eventuelle Wiederwahl die Stimmen des asiatischen Kontinents sicher. Sepp Blatter will nämlich nächstes Jahr unbedingt als FIFA Präsident zum vierten Mal wiederkandieren. Er hat es in einem Interview deutlich zu verstehen gegeben. Es handelt sich natürlich nur um Gerüchte. Doch um das Vertrauen der Fußballwelt wiederzugewinnen ist eines sicher. Die FIFA wird sich in Zukunft ändern müssen.

Russlands Bewerbungsstrategie

Für Russland ist der Zuschlag für die Fußball-WM 2018 der zweite Erfolg im Kampf um Prestigeveranstaltungen - nach den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. Russland hat eine originelle Bewerbungsstrategie: Es präsentiert sich als "tabula rasa", und genau das dürfte der Sportindustrie am besten gefallen.

Alles neu

Russland hat sich viel vorgenommen: 2014 die olympischen Spiele, und nun auch noch 2018 die Fußballweltmeisterschaft. Beide Male hat Russland damit gepunktet, dass es mit kühnen Versprechungen, ansonsten aber mehr oder weniger voraussetzungslos, ins Rennen ging. Offenbar eine attraktive Option, denn sie heißt in Wahrheit: alles neu, von Kaliningrad über Petersburg, von Moskau bis ins Wolgagebiet und weiter nach Jekaterinburg.

Milliarden an Investitionen

Die Bauindustrie wird jubeln: Geplant sind 13 neue Stadien, drei bestehende werden totalrenoviert, neue oder erweiterte Flughäfen in allen russischen Städten, in denen Spiele stattfinden sollen, dazu neue Hotels und neue Straßen: Experten erwarten grünes Licht für ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm. Das alles kommt jetzt noch zu den enormen Kosten dazu, die derzeit in Sotschi entstehen – und wo es durchaus Zweifel gibt, ob 2014 auch alles zu den olympischen Spielen bereit sein wird. Die Fußballweltmeisterschaft werde allerdings signifikant billiger als die olympischen Spiele, beruhigte schon Finanzminister Alexei Kudrin.

Trotz Kritik Putins

Der Jubel der Fans gestern war ehrlich, aber alle waren auch ehrlich überrascht. Denn kaum einer in dem Moskauer Bierlokal hatte wirklich damit gerechnet, dass Russland den Zuschlag erhält. "Wir waren uns bis zum Schluss nicht sicher", sagte einer dieser Fans. Durchaus zu recht, denn Ministerpräsident Putin hatte am Vortag in eher düsteren Worten die russische Öffentlichkeit über die korrupten Zustände bei der FIFA informiert und nach diesem unfreundlichen Kommentar des Ministerpräsidenten hatte sich in Russland niemand mehr Hoffnungen gemacht. Es kam anders, und nun klang es bei Putin so: "Russland liebt den Fußball, Russland hat alle Voraussetzungen, dafür einen würdigen Rahmen zu bieten. Wir bauen Stadien, Flughäfen, Straßen.“

Putin plant für neue Amtszeit

Wie schon bei der Entscheidung für Sotschi fehlte auch diesmal nicht der Hinweis, dass dieser Zuschlag eben auch ein Vertrauensbeweis für die politische Führung ist: Russland ist dabei und Russland gehört dazu. Die Staatengemeinde, die Welt glaube an die Stabilität des Landes – und wenn man dieses Argument hört, kann man auch gleich zu rechnen anfangen. Wenn sich Putin 2012 erneut um das Präsidentenamt bewirbt – und das ist – Stichwort: Stabilität – hier ja wohl gemeint, dann wird Putin als nächster russischer Präsident nicht nur Sotschi eröffnen, sondern am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit auch noch die Fußballweltmeisterschaft in Moskau.

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