Dialekte - Verschiedene Ansichten der Nationalräte Antonio Hodgers (GE) und Roland Rino Büchel (SG)
6. Mai 2010
Erschienen in: St. Galler Tagblatt (Haupt- und Regionalausgaben)

St. Galler Tagblatt: Weg mit Schwizertütsch?

Zwischen Oberriet und Genf liegen 401.27 Strassenkilometer. Manchmal könnte man meinen, das seien Welten. Wie bei der Sprache. Am Lac Léman herrscht lupenreines Französisch vor. In den Rheintaler Dörfern sprechen wir meistens nicht ganz rein Hochdeutsch, dafür pur Dialekt. Der wankelmütige Grüne Genfer Nationalrat Antonio Hodgers will das verboten sehen. Und zwar nicht nur im Rheintal, sondern überall in der Deutschschweiz.

Als mögliche Alternative schlägt Hodgers im „Club“ von SF DRS ein Einheits-Schweizerdeutsch vor. Künstlich geschaffen, als Einheitsbrei gesprochen und nach einheitlichen Regeln geschrieben. Ein Unsinn.

Vielfalt der Dialekte

Was sagte mir ein weit gereister Sprachprofessor in Buenos Aires? „Wer sich in Deinem Land bewegt, erlebt eine weltweit einzigartige Vielfalt an Umgangssprachen. Leider werden diese immer stärker in den Hintergrund gedrängt. Das hängt fest damit zusammen, dass den gesättigten Menschen zunehmend die Liebe zu ihrer Heimat fehlt.“ Heute sind seine Worte aktueller denn je, obwohl seine Aussage 19 Jahre her ist.

Ich arbeitete damals tagsüber in der Schweizer Botschaft und besuchte abends die Universität, um Spanisch zu lernen, genau genommen „Rio-de-la-Plata-Castellano“. Nur nebenbei: Die besten sprachlichen Fortschritte machte ich samstags und sonntags im Park beim Fussballspielen mit den Einheimischen. Und noch mehr lernte ich beim Bierchen danach.

Der Dialektpolizist

Buenos Aires, Oberriet, Genf, Schweizerdeutsch und Spanisch. Ist da nicht einiges durcheinander geraten? Nein. Ich erkläre: Antonio Hodgers, Nationalrat der Grünen, wurde vor 34 Jahren als Argentinier geboren. Irgendwann kam er mit seiner Asyl suchenden Mutter nach Genf. Seit 30 Monaten ist Monsieur Hodgers Nationalrat. Eine Integration im Turbotempo.

Mit uns Deutschweizern ist der Doppelbürger nicht zufrieden. Darum hat er eine Debatte lanciert. Er will die Schweizer auf allen Ebenen zurückstutzen und die Ausländer „fördern“. Ein Mittel dazu ist die Sprache. Deshalb schiesst er aus vollen Rohren auf unsere Dialekte.

Hodgers wohnt neu in Bern. Dort verstehen sie ihn nicht immer, wenn er versucht, Deutsch zu sprechen. (Der Mann weiss gar nicht, was für grosse Augen die Berner jeweils machen, wenn ich richtig breit Rheintalerisch rede...)

Monsieur Hodgers kann es offenbar nicht aushalten, unverstanden zu bleiben. Darum fordert er, dass in der Deutschschweiz die Dialekte weg müssen. Ginge es nach dem Argentinien-Schweizer; wir dürften nur noch „in der Kindheit, in der Familie und an einigen kulturellen Orten“ so reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Aber nicht in der Schule, nicht in der Beiz, nicht im Zug, nicht im Büro, nicht auf der Baustelle, nicht auf der Sonntagswanderung.

Zur „Raison“ bringen?

Der Staat habe dafür zu sorgen, dass Herr und Frau Schweizer Hochdeutsch sprächen. Sonst drohe dessen Untergang. Es sei an der Zeit, „dass die Lateiner ihre alemannischen Nachbarn zur Räson bringen", war aus der Westschweiz auch schon zu hören. Auch wenn die Zeitungen solche Aussagen bringen und zudem voll mit Hodgers Forderungen sind - wenige nehmen ihn wirklich ernst. Sogar aus der Westschweiz wird er scharf zurückgepfiffen. Weiland auf Schwiizertütsch.

Vom liberalen Genfer Ex-Nationalrat Charles Poncet tönt es zum Beispiel so: „Wo zum Tüüfel hesch Du die Schnapsidee här, dass me d’Lüt bi däne me goht go wohne, sigg’s au nu vorübergehend, sott zwinge ihri Sproch z’ändere?“, schreibt er.

Wie reagiert Hodgers? Er belegt jetzt einen Dialekt-Kurs an einer Berner Migros-Klubschule. Das hat ihn zu einer erstaunlichen Kehrtwende bewegt. Jetzt verlangt er mit viel Getöse, dass an allen Westschweizer Schulen gefälligst Deutschweizer Mundart zu unterrichten sei. Ich frage mich, was ihm in den Sinn kommen wird, wenn er einmal festgestellt hat, dass es neben „Bern- und Züridütsch“ noch andere Dialekte gibt…

Nach Oben

 © Roland Rino Büchel Realisiert durch RightSight.ch