Die Freiheitsliebende am Parteirand

2015 war das bisher wohl schwierigste Jahr für die Berner Nationalrätin. Jetzt folgt die Krönung ihrer Karriere.

Christa Markwalder ist keine, die gern draufhaut. Die Berner FDP-Nationalrätin gilt als ruhige und sachliche Politikerin. Doch irgendwann wurde es ihr zu viel im vergangenen Mai. Seit Tagen dominierte sie die Schlagzeilen, die Lobbying-Affäre um einen heiklen Vorstoss gefährdete plötzlich ihr Amt. Dann ging Markwalder in die Offensive. «Wer wegen dieser Geschichte über mich richtet», liess sie verlauten, «wird meiner politischen Arbeit nicht gerecht.»

Mittlerweile mag Markwalder nicht mehr über die Affäre reden. Parteikollegen sagen, sie leide noch immer darunter. Tatsächlich hat ihr die Sache politisch kaum geschadet. Im Oktober wurde die Nationalrätin vom Berner Stimmvolk mit einem guten Resultat wiedergewählt. Heute Montag dürfte sie zur Präsidentin der grossen Kammer gekürt werden. Ihre Wahl ist unbestritten.

Es ist ein früher Triumph für Christa Markwalder. Die 40-Jährige hat bereits eine lange Karriere in der Politik hinter sich. Und bis im Sommer blieb diese ohne Nebengeräusche. Schon seit 2003 sitzt sie im Nationalrat. Daneben steht die Juristin im Dienst der Zurich-Versicherung. Sie ist geschieden und wohnt in Burgdorf. 

Weggefährten beschreiben Christa Markwalder als hartnäckige Schafferin. Sie vertilge Akten und verzichte dafür auch mal auf Schlaf. Ihre eigene Meinung könne sie aber problemlos zurückstellen, wenn es nötig ist. Das sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel. Der St. Galler politisiert mit Markwalder in der aussenpolitischen Kommission, deren Präsidentin sie war. «Sie leitete unsere Sitzungen ruhig, kompetent und strukturiert», sagt er. Deshalb sei Markwalder für ihn jetzt «die richtige Nationalratspräsidentin».

Kein Umbruch in der FDP

In der freisinnigen Fraktion gilt Markwalder als personifiziertes Gegenprogramm. Mit den klassischen Wirtschaftsvertretern, heisst es zumindest, hat sie wenig gemein. Für die Partei ist sie das Aushängeschild eines modernen Liberalismus, sie ist eine der letzten Vertreterinnen des gesellschaftsliberalen Flügels. Markwalder hält rechtsstaatliche Prinzipien hoch, kämpft für die freie Lebensgestaltung und auch für die Legalisierung von Cannabis. Wie zuvor etwa Christine Beerli oder René Rhinow wollte sie mit Reformideen für intellektuellen Nährstoff sorgen. Gelungen ist ihr das nur bedingt. Denn seit der Jahrtausendwende positioniert sich die FDP konsequent rechts von der Mitte.

In wirtschaftlichen Fragen politisiert Christa Markwalder dagegen stramm auf Parteilinie. Dass sie trotzdem oftmals als linksliberal bezeichnet wird, liegt vor allem an ihrer Affinität für Europa. Während acht Jahren präsidierte sie die Neue Europäische Bewegung. Ihre Partei hat den EU-Beitritt derweil aus dem Parteiprogramm gekippt.

Doch Markwalder versteht sich weiterhin als überzeugte Europäerin. Ihre Haltung wolle sie nicht verleugnen, betont sie gerne. Wohl auch deshalb ist ihre Position in der Fraktion nicht die stärkste. Der innere Machtzirkel der FDP blieb ihr trotz grosser Erfahrung bislang verwehrt. Stören dürfte das die freiheitsliebende Bernerin kaum.

Und obwohl ihr entsprechende Ambitionen nachgesagt werden: Ein Regierungsamt will Christa Markwalder nach eigenen Angaben nicht anstreben. «Ich bin Parlamentarierin mit Leib und Seele», liess sie sich jüngst zitieren. Damit bleibe in der Politik mehr Unabhängigkeit.