Das sagt Büchel zu Bundesratskandidat Knecht
6. November 2015
Erschienen in: NZZ, NZZ online

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Bundesratswahl

Ein Knecht will ganz nach oben

Seit langem gab es keinen Bundesratskandidaten mehr, der so sehr Gewerbler ist wie Hansjörg Knecht. Damit ist er zumindest auf dem Papier ein idealer Bundesrat für die SVP.
 
von Markus Häfliger, Bern

Hansjörg wie noch?, fragten in Bern sogar gut informierte Politbeobachter, als Hansjörg Knecht erstmals als möglicher Bundesratskandidat der SVP ins Spiel kam. Im Aargau jedoch ist sein Name omnipräsent. «Knecht wählen – Könige hat es genug», steht derzeit auf Plakaten, die im ganzen Kanton in Kartoffeläckern stecken.

Mit diesem Slogan versucht Hansjörg Knecht in den Ständeratswahlen die Sensation zu schaffen, das heisst: Philipp Müller, den Chef der FDP Schweiz, zu schlagen. Und weil im zweiten Wahlgang auch eine CVP-Kandidatin Stimmen abzweigen wird, ist ein Sieg des echten Müllers über den freisinnigen Müller nicht ausgeschlossen.

Doch noch bevor das Duell entschieden ist, nimmt der 55-jährige Knecht ein noch höheres Amt ins Visier. Zu Beginn wurde seine Kandidatur für den Bundesrat als Wahlkampfmanöver für die Ständeratswahl abgetan. Doch inzwischen hat die SVP Aargau bekanntgegeben, dass sie Knecht definitiv ins Rennen schickt. Parteichef Toni Brunner sagt, Knecht sei für ihn «einer unserer heissesten Anwärter».

«Ein Körnchen besser»

Tatsächlich entspricht Knecht fast idealtypisch dem Modellpolitiker, wie ihn die SVP zelebriert: Er ist Unternehmer und macht Politik im Nebenamt. Wie selten dieser Politikertyp selbst in der SVP geworden ist, zeigt sich daran, dass Knecht unter allen bisher bekannten Kandidaten der einzige Unternehmer ist.

Er besitzt in vierter Generation die Knecht-Mühle in Leibstadt. Der Betrieb macht mit 22 Mitarbeitern rund 30 Millionen Franken Umsatz. 2012 feierte die Firma in einem Zirkuszelt mit 1300 Gästen ihr 125-Jahr-Jubiläum. «Ein Körnchen besser», lautet ihr Werbespruch, entworfen vom gleichen Aargauer Werber, der auch die Idee mit dem Knecht und den Königen hatte. In den politischen Sonntagspredigten werden solche Gewerbebetriebe als das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft gepriesen; im Bundesrat jedoch konnte seit Jahrzehnten kein Gewerbler mehr Einsitz nehmen. Die Unternehmer in der Regierung – seinerzeit Villiger und Blocher und heute Schneider-Ammann – kamen aus grösseren und international tätigen Firmen.

Im Konkurrenzkampf steht heutzutage aber auch eine Getreidemühle. Vor sieben Jahren rüstete Knecht sie zusammen mit der Maschinenfabrik Bühler von Grund auf neu aus. Knecht bekam «eine der modernsten Mühlen der Welt», die Bühler-Gruppe in Uzwil bekam eine Referenz-Anlage zur Demonstration ihrer Technologie. Er habe schon Fachleute aus annähernd hundert Ländern durch seine Mühle geführt, erzählt Knecht. Dann zückt er sein Smartphone und erklärt, wie er die Mühle damit jederzeit an- und abstellen könne.

Auf Parteilinie

Die Politik ist seit 25 Jahren Knechts Hobby – sein einziges, wie er sagt. Im Unterschied zu den Köppels, Martullos und anderen Quereinsteigern hat er die Ochsentour absolviert. Noch bevor er selber abstimmen durfte, kurvte er mit dem Töffli durch den Aargau, um SVP-Plakate aufzuhängen.

Als 30-Jähriger wurde er für acht Jahre in den Gemeinderat des AKW-Dorfes Leibstadt gewählt, anschliessend sass er sechzehn Jahre lang im Kantonsparlament, 2011 wurde er Nationalrat. Ein steter Aufstieg mit viel Arbeit, ohne Spektakel, ohne viel Charisma, ohne Fehltritte.

Als Knecht 1990 in die Politik eintrat, war die SVP Aargau noch eine behäbige Bauern- und Gewerbe-Partei. Die Mutation der SVP zur strammen Rechtspartei hat Knecht ganz selbstverständlich mitgemacht. Die Themen Asyl, Migration und Europa, die die SVP gross machten, sind zwar nicht seine Kernthemen. Seine Dossiers sind Wirtschaft, Steuern und Energie.

Als Präsident des kantonalen Hauseigentümerverbands verteidigt er stets auch die Interessen dieser Klientel – etwa bei einer Steuergesetzrevision, die er als Kommissionspräsident im Grossen Rat geleitet hat – «fair und seriös», wie sich SP-Grossrat Dieter Egli erinnert.

Doch auch in den umstritteneren Themen könne er sich mit den SVP-Positionen «stark identifizieren», sagt Knecht. Wer immer ihn näher kennt, sagt, dass Knecht zwar moderat im Auftreten, aber auf Parteilinie sei. «Er ist kein Provokateur, aber seine Haltung ist klar SVP», sagt SP-Grossrat Egli. Auf die Frage, ob eine strikte Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative wichtiger sei als die bilateralen Verträge, antwortete Knecht im Smartvote-Fragebogen mit «Eher ja». Bei der Selbstbestimmungsinitiative, die das Landesrecht über das Völkerrecht stellen will, gehört er dem Initiativkomitee an.

In Bern sitzt er in der Umwelt- und Energiekommission. In der Monsterdebatte um die Energiestrategie vertrat er Dutzende von Streichungsanträgen, scheiterte aber durchwegs. Sonst ist Knecht in Bern wenig aufgefallen.

Bei drei Kommissionskollegen aus verschiedenen Parteien fällt das Urteil einhellig aus: Knecht sei angenehm im Umgang und ein «authentischer KMUler».

Politisch sei er aber blass geblieben, auch in der Kommission zähle er nicht zu den Wortführern. Das Bundesratsamt wird ihm von diesen Kommissionskollegen eher nicht zugetraut.

«Kein Quadrat-Laferi»

Knecht sagt zu solcher Kritik, er sei halt «ein stiller Schaffer» und keiner, der die grosse Bühne suche. Auch das Networking und die Medienkontakte habe er in seiner ersten Legislatur wohl etwas vernachlässigt – auch aus Zeitgründen. «Ich bin eben ein Milizparlamentarier.»

Bevor Knecht allenfalls in der Bundesversammlung zur Wahl steht, müsste er von seiner Fraktion nominiert werden. Dort fallen die Urteile wohlwollend bis begeistert aus. «Ich nehme Hansjörg Knecht als integre Person wahr, was ihn auch für ein kollegiales Gremium auszeichnet», sagt Nationalrat Peter Keller.

Roland Büchel outet sich als Bewunderer: Knecht sei «kein Quadrat-Laferi, sondern ein ruhiger und unglaublich überlegter Politiker». Während andere Politiker abends die Berner Bars frequentierten, arbeite Knecht oft bis spätnachts im Bundeshaus.

Sollte Knecht tatsächlich Bundesrat werden, möchte er seine «unternehmerische Erfahrung» einbringen. Diese bestehe etwa darin, «dass man – wenn das Geld knapper wird – nicht einfach seine Produkte verteuern kann, sondern die Produktion optimieren muss». Vor der Aufgabe als Bundesrat, vor der Bundesverwaltung und vor den Berner Machtspielen habe er zwar Respekt, aber keine Angst. «Als Unternehmer habe ich gelernt, mich durchzusetzen, auch in einem widrigen Marktumfeld.»

Die Nachfolge in der Firma jedenfalls ist aufgegleist: Ein Vertreter der fünften Generation, Knechts Neffe, ist bereits Betriebsleiter. Damit hätte der diskrete Knecht freie Bahn, so sehr König zu werden, wie das in der Schweiz überhaupt möglich ist. Und die Aargauer müssten dann halt gegebenenfalls noch einmal einen Ständerat wählen.

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