Büchel: Ja, selbstverständlich hat Toni Brunner das Zeug zum Bundesrat
28. Oktober 2015
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Rheintaler, Thurgauer Zeitung, Appenzeller Zeitung, und div. Tagblatt-Kopfblätter

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Toni Brunner ist mit Leib und Seele Parteipräsident der SVP Schweiz. Doch seit der St. Galler von Christoph Blocher und der «Weltwoche» als idealer zweiter SVP-Bundesrat lanciert wurde, ist oft dieselbe Frage zu hören: Hätte er das Zeug dazu? Brunner selber sagt, er wolle nicht.

DENISE LACHAT

Eigentlich, so wird in St. Gallen erzählt, sollte Toni Brunners Weg in den Bundesrat vor vier Jahren vorgespurt werden, bei den Ständeratswahlen. Der Versuch endete im Fiasko für die SVP: Paul Rechsteiner von der SP schnappte sich den langjährigen CVP-Sitz. Christoph Blocher reagierte noch lange danach fuchsteufelswild auf Brunners Nichtwahl in einem Kanton, in dem die SVP die stärkste Kraft ist – auch Freisinnige und Christdemokraten hatten für Rechsteiner eingelegt. $

Jetzt, da die SVP erneut zur Rückeroberung des zweiten SVP-Sitzes im Bundesrat ansetzt, bringt Blocher Brunner wieder ins Spiel. Und seit die «Weltwoche» unter ihrem Chefredaktor und Zürcher Neo-Nationalrat Roger Köppel den wonnig strahlenden Toggenburger auf ihr Titelblatt gehievt hat, wird in Bundesbern heftig spekuliert. Ist das nun die Ansage aus Herrliberg, wie die Positionen zu besetzen sind? Oder ein Ablenkungsmanöver, um andere Kandidaten vom medialen Scheinwerferlicht abzuschirmen? Oder gar der Auftakt zu einem SVP-Manöver, das Kandidaten auf die Abschussrampe schiebt?

Geborene Frohnatur

Toni Brunner dürfte, wie es seinem Naturell entspricht, heiter glucksen ob all dem Werweissen um ihn. Er selber sagt nicht mehr als «ich stehe nicht zur Verfügung als Bundesratskandidat». Wie auch immer. Seit der Blocher-Köppel-Ansage ist immer wieder die Frage zu hören, ob Brunner das Zeug zum Bundesrat hat.

SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel, der ihn bereits als Präsidenten der SVP St. Gallen kannte, zögert keine Sekunde mit dem Ja. Wie Brunner bei der grössten Partei des Landes den Laden zusammenhalte, solche Führungsstärke brauche es im Bundesrat.

Toni Brunner, das erleben politische Freunde wie auch Gegner gleich, ist mit Leib und Seele Parteipräsident. Er geniesst das Bad in der Menge, hält für alle einen Scherz bereit, pariert Bemerkungen blitzschnell und mit lautem Lachen – man merkt, dass er es mit allen kann. So zog die geborene Frohnatur schon vor zwanzig Jahren in Bundesbern ein: Ein Tross von Freunden, Nachbarn und Parteikollegen begleitete am 4. Dezember 1995 den jüngsten Nationalrat der Geschichte an seinen ersten Sessionstag in Bern.

Der Männerchor Wintersberg-Bendel stimmte auf dem Bahnhof in Ebnat-Kappel Lieder an, Frauen in der Sonntagstracht verteilten Käsebrötchen, und in Bern wunderten sich die Passanten über die «Chilbi», als Brunners Truppe Kuhglocken schwingend vor das Bundeshaus zog.

Brunner hat sich seine Natürlichkeit und Zugänglichkeit über alle Jahre bewahrt, auch wenn sich der damals belächelte Toggenburger längst durch die Parteigremien hindurch zum Erfolg und zu nationaler Bedeutung hochgeackert hat. Kritiker monieren, es habe sich dafür in seiner politischen Arbeit im Bundeshaus kaum etwas getan. Sie habe ihn immer als Parteipräsidenten der SVP wahrgenommen, sagt eine SP-Nationalrätin; als sachpolitisch Interessierten kenne sie Brunner nicht.

Lob und Tadel aus Bundesbern

Vernichtend urteilen Kollegen aus der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK), in der Brunner seit seinen Anfängen sitzt. Brunner verhalte sich so passiv, dass er schlicht nicht wahrgenommen werde, sagt ein CVP-Mitglied.

Der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister, der in Asylfragen nahe bei der SVP politisiert, nimmt Brunner gegen die Kritiker in Schutz. Es sei klar, dass ein Parteipräsident in den Kommissionen nicht den Lead in der Sachpolitik übernehmen könne, dafür beanspruche das Amt eines Parteichefs zu stark. Und er warnt: «Man sollte nicht den Fehler machen, Toni Brunner zu unterschätzen.» Bei manchen Kritikern schwinge eben etwas Akademikerdünkel gegenüber einem Landwirt mit.

Auch Büchel lobt: Brunner sei blitzgescheit und stelle bei komplexen Themen mühelos die wichtigen Zusammenhänge her.

Vom Vorwurf des sachpolitischen Desinteresses ist der Schritt zum Vorwurf des Blocher-gesteuerten Politikers nicht weit. Zur SVP-Politik kam der junge Brunner zwar über den langjährigen Thurgauer SVP-National- und -Ständerat Hans Uhlmann, ein Bauer auch er. Es war aber Blochers Kampf gegen den EWR, der Brunners politischen Eifer anstachelte. Teenager Toni schrieb ans SVP-Generalsekretariat zwecks Gründung einer st. gallischen SVP. Brunner gefiel die klare Sprache der SVP, und mit Christoph Blocher stimme «die Chemie».

Das «über die Jahre gewachsene blinde gegenseitige Verständnis und Vertrauen», wie es Brunner in Interviews nennt, ist für die einen ein klares Zeichen, dass Brunner seit jeher Blochers «Hündli» ist, der die Befehle des Meisters ausführt. Andere, auch ausserhalb der SVP, stellen fest, dass Brunner über die Jahre an Eigenständigkeit gewonnen hat. Blocher, so versichern SVP-Mitglieder, habe vor Brunner Respekt.

Auch Blocher wäre gerne Bauer geworden, wie Brunner, hatte aber keinen Hof. In kaum einem Bericht über Toni Brunner fehlt der Hinweis auf seine Liebe zum Bendel, mit seiner Abgeschiedenheit, der wunderbaren Aussicht und den Tieren. Im Wahlkampfsong «Welcome to SVP» füttert Brunner spielerisch eine Kuh von Hand, doch die Toggenburger erhalten Brunner nur noch selten als Bauern zu Gesicht. Der Hof sei an den Sohn des Nachbarn verpachtet, nicht einmal im Sommer sehe man Brunner auf dem Traktor, heisst es in der Nachbarschaft. Ab und zu tauche er in der «Sonne» auf. Es ist die SVP-Beiz, die Brunner als «Haus der Freiheit» im Wintersberg lanciert hat.

Eigentlich war Toni Brunners Wahl in den Nationalrat ein Unfall, wie der damalige Listenfüller lachend erzählte. Er war gerade an der Olma, als das Resultat bekannt wurde, und der frisch gewählte Nationalrat geriet dort in eine Schlägerei. Anekdoten gibt es über den vielbeschäftigten Parteipräsidenten, der seit rund 17 Jahren in fester Partnerschaft lebt, sonst kaum.

Der Innerrhoder CVP-Ständerat Ivo Bischofberger schüttelt anerkennend den Kopf. Brunner sei ein politisches Naturtalent. Und jetzt in den Bundesrat? Brunner sagte dazu immer kategorisch Nein. «Ich will nie in eine Exekutive, das weiss auch jeder in meiner Partei.» Ostschweizer Politiker nehmen ihm das Desinteresse ab, sonst hätte er längst für die St. Galler Regierung kandidiert, heisst es.

Wenig Engagement für die Region

Selbst wenn es anders wäre: Von einem Bundesrat Brunner erwarteten Ostschweizer Parlamentarier nicht unbedingt viel Engagement für die Region. Mit einiger Enttäuschung wird vermerkt, dass Brunner im Nationalrat gegen die erste Etappe des Bahn-Y stimmte, und auch beim Kompromissvorschlag der Kantone zum Neuen Finanzausgleich (NFA) stimmte er gegen den eigenen Kanton.

Unter Brunner ist die SVP mit ihren Positionen in der Ausländer- und Asylpolitik zum Erfolg marschiert. Er selber äussert sich dabei zuweilen regelrecht «staatsschädigend», wie es die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi nennt. So brannten in Deutschland Asylheime, als Brunner in der Schweiz zum zivilen Ungehorsam gegen den Bau von Asylzentren aufrief. In solchen Momenten empfiehlt sich der Berufspolitiker gewordene Bauer als Brandstifter, nicht als Anwärter auf den Bundesrat.

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 © Roland Rino Büchel Realisiert durch RightSight.ch