Arena - eine starke Runde mit Jositsch, Tognoni, Weinreich und Büchel
3. Juni 2015
Erschienen in: SRF Arena

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Die vier grossen Blatter-Fragen und ein SRF-«Club» in Not

Kurz vor der Aufzeichnung des «Clubs» sagte Fifa-Mediendirektor Walter de Gregorio die Teilnahme ab. SRF stellte um – eine starke Runde mit Büchel, Tognoni, Weinreich und Jositsch ging in die Details.

Sepp Blatter hatte gestern Abend überraschend seinen Rücktritt als Fifa-Präsident bekannt gegeben. Vier Tage nach seiner erneuten Wahl zog er damit nach den nicht endenden Korruptionsvorwürfen gegen die Fifa die Konsequenzen: «Wir müssen grosse Reformen einleiten. Ich stelle mein Mandat zur Verfügung, ich habe hart für Veränderungen und Reformen gekämpft. Aber ich kann das nicht alleine machen.»

Blatters Erklärung stellt mehr neue Fragen, als sie Antworten gibt. Weltweit wird über Blatters Schritt und dessen Folgen diskutiert. Der «Club», der eigentlich um 17 Uhr hätte aufgezeichnet werden sollen, beschäftigte sich auch mit dem Thema – allerdings erst live um 22 Uhr, weil Fifa-Mediendirektor Walter De Gregorio den ersten Termin platzen liess.

Es diskutierten Journalist und Korruptionsexperte Jens Weinreich, Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch (SP), Sportmanager Roland Büchel (SVP) und der ehemalige Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni.

Die Erkenntnisse aus der Expertenrunde:

1. Wieso trat Blatter zurück?
Allenthalben hört man, dass der Druck der Fussballwelt auf Blatter zu gross geworden sei – dies führte auch Guido Tognoni an, der präzisierte: Die US-Justiz habe gezielt Informationen an die Presse gestreut, die zu diesem Druck führten. Ob Blatter aus Angst vor der US-Justiz aufhörte, wurde in der Runde ausserdem diskutiert. So wollte Tognoni von Jositsch wissen, ob er sich vorstellen könne, dass Blatter einen entsprechenden Tipp erhalten habe.

Jositsch betonte, dass dies ins Reich der Spekulationen führe, aber: «In diesem Fall täte Blatter gut daran, sein eigenes Land nicht mehr zu verlassen.» Jositsch weiter: «Wenn die amerikanische Justiz Druck aufsetzt, dann bleibt kein Stein auf dem anderen.» Eine weitere Theorie, die im Umlauf ist, jene, dass Blatter auf Druck der grossen Fifa-Sponsoren gehen musste, wurde in der Runde nicht erwähnt.

Dass Blatter zumindest indirekt von den korrupten Strukturen der Fifa profitierte, war für alle Anwesenden wiederum klar. «Der Sumpf ist seit Jahren unendlich gross», so Tognoni: «Blatter arbeitete bereits mit Havelange eng zusammen, welcher ja der Korruption überführt worden ist.»

2. Wie geht es im Korruptionsfall Fifa juristisch weiter?
«Die Angst ist riesengross», so Weinreich und Tognoni ergänzte: «Die Amerikaner treiben die Fifa vor sich hin, es herrscht Angst, dass morgen der nächste Paukenschlag und Korruptionsvorwürfe bevorstehen.» Jositsch erklärte Eigenheiten der US-Justiz: Wenn von den Angeschuldigten Informationen an die Ermittler fliessen, könnten unter Umständen Deals gemacht werden, die zu Strafminderung führten. Andererseits stünden auf Geldwäscherei in den USA heftige Strafen. Was den verhafteten Mitgliedern drohe, sei zu diesem Zeitpunkt deshalb schwierig abzuschätzen. Eine besondere Rolle sprach Tognoni Jack Warner zu, «einem der grössten Strassenräuber der Fifa»: «Seine Aussagen können Blatter gefährlich werden.»

3. Wie geht es mit der Fifa-Spitze weiter?
Blatter stellt sein Amt für Neuwahlen bei einem ausserordentlichen Fifa-Kongress zur Verfügung. Dieser wird voraussichtlich zwischen Dezember 2015 und März 2016 abgehalten, bis dahin bleibt Blatter im Amt – für Jens Weinreich eine Zumutung: «Blatter kann nicht weitermachen. Wenn er sagt, dass Schluss ist, muss jetzt Schluss sein. Doch Blatter wird den Kongress nicht mehr erleben, denn es steht in den nächsten Tagen und Wochen ein Tsunami an Enthüllungen bevor.» Weitere Forderung Weinreichs: «Serienlügner» Jérôme Valcke, der Fifa-Generalsekretär, müsse nun auch zurücktreten.

Über mögliche Blatter-Nachfolger diskutierte die Runde ebenfalls. Neben den üblichen Verdächtigen wie Platini und Prinz Ali wurde der kuwaitische Scheich al-Sabah genannt. Jositsch brachte die Meinung der Runde auf den Punkt, als er jemanden forderte, «der von aussen kommt und der bereit ist, den Stall auszumisten.» Es genüge aber nicht, dass nur einer gehe. Eine korrupte Organisation müsse von Grund auf neu errichtet werden. Auch Tognoni sähe gerne einen Aussenstehenden, etwa jemanden aus der Privatwirtschaft, an der Spitze – «es ist ja nicht besonders schwierig, eine Fifa erfolgreich zu führen.»

Büchel gab darauf zu denken, dass ein Aussenstehender keine Stimmen kriegen würde – sofern nicht das System geändert würde.

4. Welches sind die nötigen Fifa-Reformen?
Anders gefragt: Wird aufgeräumt oder wird das System Blatter unter anderem Namen weitergeführt? Eine Unternehmenskultur ist ja ungleich schwieriger auszuwechseln als das Personal. Blatter selbst deutete in seinem Communiqué bereits an, was sich künftig ändern soll: Eine Beschränkung der Mandate und eine Amtszeitdauer-Beschränkung. Er habe solcherlei Veränderungen nicht durchzusetzen vermocht. Die Runde dazu: Wieso soll dies jetzt plötzlich gehen, wenn die Gemeinschaft es vorher nicht goutierte?

Einzig Büchel zeigte einen Funken Optimismus: «Es wäre eine Überraschung, aber Überraschungen sind möglich. Blatter ist es wichtig, mit Würde zu gehen. Nun hat er die Chance auszumisten.»

Tognoni warf ein, dass man 75 Prozent Zustimmung brauche, um die Fifa-Statuten zu ändern. Ein Gesinnungswandel Blatters würde also kaum etwas bringen. Jositsch sprach sich in der Folge für neue Fifa-Strukturen aus, die Transparenz und Kontrollmechanismen beinhalteten. Dazu sei eine Verbandsstruktur wie bei einem Kegelverein für eine internationale Grossorganisation alles andere als ideal. Tognonis Vorschlag dazu: Eine AG, in der jedes Land eine Stimme habe und jene Länder, die sich verstärkt für den Fussball einsetzen, mehrere Stimmen.

Büchel kann sich gar eine Sponsorenklausel vorstellen, die besagt, dass bei Korruption kein Geld mehr fliesst.

Und welche Rolle kommt dem Staat in der schönen neuen Fifa-Welt zu? «Korruption ist ein opferloses Delikt, bei dem es keinen Kläger gibt», so Jositsch: «Die Schweiz braucht deshalb ein Gesetz, das Whistleblower schützt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.06.2015, 06:39 Uhr)

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