Büchel-Interview zur Fifa in der Schweiz am Sonntag
31. Mai 2015
Erschienen in: Schweiz am Sonntag

In der US-Anklage zeigt sich, dass Sportvermarkter in Nord- und Südamerika systematisch Funktionäre schmierten, um an TV- und Vermarktungsrechte zu kommen. Sehen Sie Parallelen zu ISL?

Es ist das gleiche Modell. Die Zuger Vermarktungsfirma hatte zwischen 1989 und 2001 verschiedene Sportfunktionäre mit 142 Millionen Franken geschmiert. Insgesamt wurden 175 Zahlungen gemacht. Das alles ist nicht nur dokumentiert, sondern gerichtsfest bewiesen.

Die ISL-Spitzenmanager sagten im Prozess: Ohne Schmieren erhält man keine Rechte. Ist das immer noch so, auch in der Schweiz?

In Zentralamerika offenbar, das ist nach den Ereignissen der letzten Woche klar. In der Schweiz ist es im grossen Stil eher nicht mehr der Fall. Der Grund ist einfach: Fifa, IOC und Uefa vermarkten sich wieder vermehrt selbst. Sie haben den grössten Teil der milliardenschweren TV- und Marketingrechte nach und nach zurückgenommen. Die Vermarkter haben jetzt eine andere Rolle. Trotzdem: Es gibt bei uns immer noch Agenturen, für die ich die Hand nicht ins Feuer legen würde.

Amerikaner sagen, das sei erst der Anfang. Was heisst das wohl?

Wer sich erinnert, wie sie gegen unsere Banken vorgingen, braucht keine grosse Phantasie zu haben, um sich die Antwort auszumalen.

Im Ständerat soll nächste Woche das Korruptionsstrafrecht verschärft werden. Einige bremsen. Braucht es jetzt nicht dringend griffige Gesetze?

Man muss vorsichtig sein, nicht unter dem unmittelbaren Druck der Ereignisse Gesetze zu schaffen. Da läuft man Gefahr zu übertreiben und die Falschen zu treffen. Das kann auch bei der so genannten „Lex Fifa“ der Fall sein.

Blatter wurde am Freitag wiedergewählt. Was erwarten Sie jetzt von ihm?

Er sagte am Kongress: „Wir werden jeden erwischen, der korrupt ist und ihn bestrafen!“ Gut so. Der Präsident könnte gleich mit seinem „Senior Vice President“ anfangen. Den bestechlichen Beschaffer der afrikanischen Stimmen hat er nämlich vergessen, als er sich unlängst eines Drittels seines Vorstands (recht elegant) entledigt hat. Das sollte er jetzt nachholen.

Wenn er ausmistet, besteht doch für ihn die Gefahr, dass er selbst auch fällt. Weil dann andere auspacken?

Möglicherweise. Chuck Blazer, ein ehemals langjähriges Mitglied der Fifa-Exekutive, arbeitet eng mit dem FBI zusammen. Blazer ist korrupt und war jahrelang auf der Seite Blatters. Heute wendet er offenbar James-Bond-Methoden an, um seine ehemaligen Freunde in die Falle zu locken. Es gibt noch weitere Typen, die schon „singen“ oder es noch tun werden, um ihre eigene Haut zu retten. Der schwer korrupte Jack Warner aus Trinidad, er war lange Blatters Vize und Stimmenbeschaffer, ist einer davon.

Wer muss auch noch weg bei der Fifa?

Nach den Ereignissen vom Mittwoch sieht es danach aus, als ob noch ein paar weitere Köpfe rollen werden. Warten wir einmal ab: Jeder Verdächtigte hat das Recht auf eine faire Verhandlung. Man muss sich auf Urteile stützen, nicht auf Vorurteile.

Alle reden jetzt von der Fifa. Ist Korruption nur ein Fifa-Problem?

Wissen Sie, was Sepp Blatter auf eine Frage zu den ISL-Schmiergeldzahlungen an den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joao Havelange zur Antwort gab?

Was?

Er sagte wortwörtlich: „Man hat hier nur den Fußball herausgefischt. Andere Sportarten haben zehnmal mehr bekommen.“ Dabei bezog er sich auf die 142 geschmierten ISL-Millionen.

Was heisst das konkret?

Sepp Blatter muss es wissen, immerhin ist er auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Es war eine wohl überlegte Aussage in einer topseriösen deutschen Zeitung. Er scheint also genau zu wissen, wer hinter den zahlreichen Briefkasten steckt, welche von der ISL jährlich mit Millionensummen vollgestopft wurden.

Bis jetzt kennt man nur die Namen von einigen Fifa-Funktionären, welche aus dem ISL-Honigtopf bedient worden sind.

Ja, und denjenigen vom obersten Leichtathletikboss und IOC-Mitglied Lamine Diack. ISL-Boss Jean-Marie Weber hat gesagt, dass er die Namen der anderen Schmiergeldempfänger mit ins Grab nehmen würde. Blatter weiss offensichtlich, wer was genommen hat. Er soll damit herausrücken. Es wäre mit das Beste, was er für den Sport tun könnte.

Die Fifa ist eine Dunkelkammer. Nicht mal Blatters Lohn ist bekannt. Warum nicht?

Weil er ihn nicht bekannt geben will.

Wie hoch schätzen sie, ist er?

Aufgrund der Fifa-internen Dokumente, welche mir gezeigt worden sind, spielt er in Sachen Lohn in der absoluten Schweizer Top-Liga. Und zwar seit Jahren.

Der Walliser hat mehrmals gesagt, er verdiene eine Million pro Jahr, vielleicht ein bisschen mehr. Nennen Sie das „Topliga“?

Es sind mehrere Millionen. Er soll die Zahlen selber nennen. Ich werde es nicht tun. Das ist nicht meine Aufgabe.

Wie muss sich die Fifa reformieren?

Erstens: Altersbeschränkung. Zweitens: Amtszeitbeschränkung. Drittens: Mehr Transparenz auf allen Ebenen. Ich anerkenne, dass in Punkt drei Fortschritte erzielt worden sind. 

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