Für Büchel ist klar: Der Sport braucht einen Franziskus - und keinen Nasarbajew
5. Oktober 2014
Erschienen in: SonntagsZeitung

 

 

Mit Norwegen hat sich noch das letzte europäische Land gegen die olympischen Winterspiele 2022 entschieden. Für westliche Demokratien sind die Spiele offensichtlich nicht mehr durchführbar.

Warum? Der Graben zwischen dem Geschäftsgebaren des kommerziellen Sports und ethisch korrekten Wettkämpfen ist zu gross geworden. Das korrupte Verhalten zahlreicher Funktionäre in den Sportdachverbänden hat den Ruf von Grossveranstaltungen nachhaltig ruiniert.

Die Ethik hat mit der Amtsübernahme von Sportführern aus dem lateinisch geprägten Sprachraum schwer gelitten. Ich nenne dazu vier Namen in der Reihenfolge ihrer Bedeutung: Juan Antonio Samaranch, Spanien (Ex-IOC-Präsident); Joao Havelange, Brasilien (Ex-Fifa-Präsident); Primo Nebiolo, Italien (Ex-Präsident des Leichtathletik-Weltverbands) und Ruben Acosta, Mexico (Ex-Präsident des Weltvolleyballverbands). Diese früheren Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) waren alle in Bestechungsskandale verwickelt.

Lusche IOC-Funktionäre

Die vier Ex-Funktionäre sind nur die Spitze einer Entwicklung, die in Stimmenkauf bis in die höchsten Ämter, Nepotismus und Korruption von Amtsträgern mündete. Solche Fehlentwicklungen haben das Bild von Sportverbänden und Grossanlässen geprägt. Das hatte Folgen: Die Stimmbürger Münchens und Graubündens schickten die Winterspiele 2022 bachab. Seither haben auch Stockholm und, diese Woche, Oslo das Handtuch geworfen. Dass das IOC unter Präsident Thomas Bach in letzter Minute versuchte, die Norweger mit 880 Millionen Dollar zu ködern, liess sie kalt.

Almaty und Peking als einzige Kandidaten

Jetzt sind nur noch Kasachstan mit Almaty und dem autokratischen «Führer der Nation» Nursultan Nasarbajew und China mit Peking im Rennen. Graubünden wollte in St. Moritz und Davos die «kleinen weissen Spiele» veranstalten. Will China in der 20-Millionen-Metropole Peking etwa die «grossen grauen Spiele» verwirklichen?

Während die Schweizer, die Deutschen, die Schweden und die Norweger den Grössenwahn des IOC kritisierten, haben die Menschen in Kasachstan und China wenig zu sagen. Über Wahnsinnsausgaben in zweistelliger Milliardenhöhe bestimmt die politische Führung. Über das sündhaft teure Buhlen um die Gunst der IOC-Mitglieder ebenfalls.

Ist die «Good Governance» bei den grossen Verbänden überhaupt ein Thema? Leider kein ernsthaftes. Zwar dozieren die Funktionäre in ihren Sonntagspredigten stets über Transparenz. Doch schon am Montag lassen sie sich Millionen-teure Uhren schenken (so geschehen am Rande der WM-Endrunde in Brasilien). Und am Dienstag schmuggeln die Leute diese Schmuckstücke zollfrei in ihre 50 Heimatländer. Was die Gentlemen von Mittwoch bis Samstag noch alles treiben, darauf schauen wir lieber nicht.

Was der Sport braucht, sind frische, unverbrauchte und integre Leute. Während der neue Papst Franziskus mit Demut und Anspruchslosigkeit die Gläubigen weltweit begeistert, fehlen im Sport solche Persönlichkeiten.

Nur wenn an der Spitze der Verbände die Bescheidenheit wieder Einzug hält, sind auch bei uns olympische Winterspiele von Neuem denkbar. Für 2022 zwar kaum mehr, aber vier Jahre später wäre das möglich – doch nur zu unseren Bedingungen. Olympische Spiele mit Knebelverträgen eigenen sich nicht für demokratische Staaten – mit solchen bleiben die Spiele in Ländern wie Kasachstan.

Roland Rino Büchel ist Sportmanager und Nationalrat für die SVP St. Gallen

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