Swiss Olympic Präsident Netzle foult Blatter hinterrücks - Büchel sagt: Das ist typisch für Sportfunktionäre
28. Juni 2014
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Rheintaler, Thurgauer Zeitung, Appenzeller Zeitung, und div. Tagblatt-Kopfblätter

Stephan Netzle, der Vizepräsident von Swiss Olympic, gerät unter Druck. Der Dachverband des Schweizer Sports lässt überprüfen, ob Netzle die Ethikregeln verletzt hat, weil er als Anwalt für einen korrupten Fifa-Funktionär arbeitete.

JÜRG ACKERMANN

In Brasilien rollt der Ball. Hunderte Millionen Zuschauer freuen sich an den Bildschirmen über viele Tore und zauberhafte Pässe. Für unerwartete Spielzüge ist auch der Weltfussballverband Fifa immer wieder gut. Immer dann, wenn man denkt, das letzte Kapitel einer von Korruption und Vetternwirtschaft überschatteten Vergangenheit sei geschrieben, kommen neue Enthüllungen ans Tageslicht. Sie zeigen, um was es bei der Fifa neben dem Fussball auch geht: Um Prestige, um Macht, um Verrat, um Geld. Und meist auch um Verzweigungen in die Schweiz, wo die Fifa seit Jahrzehnten ihren Sitz hat.

40 000 Dollar in einem Couvert

Mohammed bin Hammam heisst der Mann, der seit ein paar Wochen die negativen Schlagzeilen bestimmt. Der elffache Familienvater aus dem Emirat Qatar ist zwar seit drei Jahren von sämtlichen Ämtern ausgeschlossen. Während Jahrzehnten gehörte er jedoch zu den schillerndsten Funktionären des Weltfussballverbands.

2011 sollte sein grosses Jahr werden. Nach der völlig unerwarteten WM-Vergabe an sein Land wollte der Qatarer Joseph Blatter beim Fifa-Kongress in Zürich vom Thron stossen. Das Vorhaben scheiterte grandios. Bin Hammam war nur drei Tage vor der Wahl von der Fifa-Ethikkommission ausgeschlossen worden. Der Weltfussballverband hatte stichfeste Beweise dafür, dass der Qatarer über einen Mittelsmann 25 Couverts mit je 40 000 Dollar an karibische Funktionäre verteilen liess, um sich Stimmen zu kaufen.

Damit nicht genug: Wie neu aufgetauchte Dokumente zeigen, dürfte Bin Hammam auch bei der WM-Vergabe an Qatar eine wichtige Figur gewesen sein. Mit grosszügigen Überweisungen auf Privatkonten afrikanischer und asiatischer Fussball-Funktionäre versuchte er eine positive Stimmung für seine und Qatars Interessen zu schaffen. Wie die «Sunday Times» und der «Tages-Anzeiger» kürzlich aufdeckten, liess sich Bin Hammam vor der Kampfwahl ums Fifa-Präsidium 2011 von Stephan Netzle beraten. Der Zürcher Anwalt gehört zu den renommiertesten Sportjuristen des Landes und ist Vizepräsident von Swiss Olympic. Das ist jetzt genau sein Problem. Beim Dachverband des Schweizer Sports steigt der Unmut über Netzles Mandat. «Wir messen der Ethik im Sport einen hohen Stellenwert zu», sagt Jörg Schild, der Präsident von Swiss Olympic. «Unsere Checkliste betreffend Bekämpfung von Korruption in Sportverbänden wird weltweit gelobt. Von daher ist für mich klar, dass die Gefahr eines Imageschadens besteht, den ich sehr bedauern würde.»

Gemäss Recherchen unserer Zeitung hat der Exekutivrat von Swiss Olympic die Angelegenheit diese Woche besprochen. Er prüft nun, ob und in welchen Punkten Netzle den Ethikkodex von Swiss Olympic verletzt hat. Sollte dies der Fall sein, müsste der Anwalt sein Ehrenamt als Vizepräsident des Dachverbandes wohl niederlegen.

Auch Blatter bei Swiss Olympic

In der Politik stösst das konsequente Vorgehen von Swiss Olympic auf Verständnis.

«Netzle hat nicht nur einen korrupten Fifa-Funktionär vor Gericht vertreten; er war auch sein Berater, als es darum ging, Blatter vom Fifa-Präsidium wegzuputschen», sagt der St. Galler SVP-Nationalrat und Sportexperte Roland Büchel.

Pikant: Blatter hat wie Netzle (Vizepräsident) eine ehrenamtliche Funktion bei Swiss Olympic. «Offenbar ist es auch unter unseren Funktionären üblich, Mitglieder der eigenen Mannschaft hinterrücks zu foulen und ihnen in die Knochen zu treten», sagt Büchel.

Netzle wehrt sich gegen Vorwurf

Netzle selber wehrt sich gegen die Vorwürfe und nimmt nun erstmals zum umstrittenen Mandat Stellung. Er fühle sich den Ethikregeln von Swiss Olympic verpflichtet, sagt er. «Ich habe für den Schweizer Sport viel gemacht. Sollte Swiss Olympic dennoch zum Schluss kommen, dass allein durch mein Mandat ein Reputationsschaden entstanden ist, wäre ich sofort bereit zurückzutreten.»

Netzle stellt auch klar, dass es beim Mandat nicht um die Bewerbung Qatars für die WM 2022 gegangen sei, die schon 2010 vergeben wurde, sondern um ein persönliches Anliegen Bin Hammams.

«Herr Bin Hammam hatte Angst, dass Joseph Blatter im Kampf um das Präsidium Fifa-Ressourcen einsetzen würde. Er wandte sich an unsere Kanzlei, um das zu überprüfen, weil er gleich lange Spiesse wollte.» Ein Anwalt nehme ein Mandat nicht unkritisch an. «In diesem Fall gab es für mich keine Anhaltspunkte für einen Verdacht, dass Bin Hammam früher unethisch gehandelt haben könnte.»

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