96 % der Schweizer fordern Härte gegen Fifa
8. Juni 2014
Erschienen in: SonntagsZeitung

Korruption im Sport soll rigoroser bekämpft werden – ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt schon vor

Zürich Der Mann mit dem fein gestutzten Bart verteilte Geschenke wie der Weihnachtsmann: 10 000 Dollar an den Präsidenten des Fussballverbandes von Gambia, 50 000 nach Sambia, 450 000 an den nord- und zentralamerikanischen Kontinentalverband. Der spendable katarische Geschäftsmann Mohammed Bin Hammam ist gemäss der britischen Zeitung «Sunday Times» der Haupttäter im neusten Fifa-Korruptionsskandal. Mit 5 Millionen US-Dollar soll er Funktionäre geschmiert und so die Fussball-WM 2022 nach Katar geholt haben.

Die jüngsten Enthüllungen könnten nicht nur eine Neuvergabe der WM 2022 nach sich ziehen – sie dürften für die Fifa auch in der Schweiz Folgen haben: Der Druck auf die Politik, strengere gesetzliche Regulierungen für die internationalen Sportdachverbände zu schaffen, ist gestiegen.

Der erste Schritt erfolgte bereits vorletzte Woche: Die Rechtskommission des Nationalrats sprach sich dafür aus, dass künftig auch hohe Funktionäre von internationalen Sportverbänden als «politisch exponierte Personen» gelten. Damit müssten Banken im Umgang mit Sportfunktionären künftig die gleichen Richtlinien befolgen wie bei Staatschefs.

Ruf der Schweiz leidet unter den Fifa-Skandalen

Diese Anpassung ist auch eine Reaktion auf den Druck aus dem Ausland. Präsenz Schweiz, die Imageorganisation des Bundes, hatte schon 2012 in einer Studie festgestellt, dass der Ruf der Schweiz wegen der Fifa-Skandale geschädigt werde. «Mit jedem Skandal steigt der politische Druck auf die Fifa, weil auch das Image der Schweiz leidet», sagt Christa Markwalder, FDP-Nationalrätin und Mitglied der Rechtskommission. Nun kommt zusätzlicher Druck aus dem Inland: Gemäss einer am letzten Donnerstag veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Bundesamts für Sport fordern 96 Prozent der Schweizer Bevölkerung, dass gegen Korruption im Sport viel härter durchgegriffen wird.

Die Volksvertreter in Bern werden schon bald ein entsprechendes Gesetz behandeln. Voraussichtlich in der Wintersession stimmt das Parlament über eine Verschärfung des Korruptionsstrafrechts ab.

Die Stimmung im Parlament kippt

SVP-Nationalrat Roland Büchel beschäftigt sich seit Jahren kritisch mit der Fifa. Er lehnt das Gesetz ab, weil es ihm zu weit geht, glaubt aber, dass es nach den jüngsten Skandalen beste Chancen hat: «Die Stimmung im Parlament kippt, trotz ausgeprägtem Lobbying der Fifa.» Anders sei es nicht zu erklären, dass bürgerlich dominierte Kommissionen Gesetze einführen wollten, die internationale Sportverbände strenger regulieren. Büchel: «Hauptverantwortlich für diese Entwicklung ist die Fifa.»

Gemäss Gesetzesentwurf soll die Bestechung von Sportfunktionären neu von Amtes wegen verfolgt werden. Ernst Gnägi, Leiter der Abteilung Internationales Strafrecht beim Bundesamt für Justiz, sagt: «Wenn das geplante Gesetz bereits in Kraft wäre, könnte im aktuellen Fall ein Schweizer Staatsanwalt tätig werden, auch wenn kein Strafantrag vorliegt.» Mit anderen Worten: Die Zürcher Staatsanwaltschaft könnte gegen Bin Hammam ermitteln – weil die WM-Vergabe an Katar 2010 in Zürich erfolgte. Derzeit ist dies unmöglich.

Der europäische Fussballverband Uefa begrüsst das neue Gesetz: «Heute ist es mehr denn je notwendig, dass Sportorganisationen und Behörden ihre Kräfte vereinen, um alle Formen der Kriminalität zu bekämpfen.» Anders die Fifa: In der Vernehmlassung lehnte sie es ausdrücklich ab, dass die Schweizer Justiz bei Verdacht auf Bestechung von sich aus Ermittlungen aufnimmt.

Mark Pieth, Korruptionsexperte und Ex-Chef der unabhängigen Fifa-Reformgruppe, schlägt anstelle eines neuen Gesetzes vor, die internationalen Sportverbände im Strafgesetzbuch einfach den internationalen Organisationen gleichzustellen. Das sei besser. Doch generell sei das neue Gesetz ein «Schritt in die richtige Richtung». Eine Anpassung des Rechts sei nötig. «Wenn sich die Fifa oder andere Verbände von einer Anpassung des Korruptionsstrafrechts abschrecken lassen, ist es höchste Zeit, sie ziehen zu lassen.»

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