Sotschi: Das Milliardengeschäft und die Gratistouristen aus Politik und Sport
31. Januar 2014
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Rheintaler, Appenzeller Zeitung, Werdenberger & Obertoggenburger und div. Tagblatt-Kopfblätter

www.rheintaler.ch/aktuell/sport/tb-sp/Milliardengeschaeft-und-Gratistouristen-in-Sotschi;art120097,3688349

Nationalrat Roland Rino Büchel
Vizepräsident der Aussenpolitischen Kommission; nahm in verschiedenen Funktionen an Olympischen Spielen teil

Sotschi: Milliardengeschäft mit sportlichen und politischen Gratistouristen

Vanessa Mae, Stargeigerin mit Sex-Appeal, geht in Sotschi für Thailand an den Start. Sie fährt Slalom und Riesenslalom. Ihr bestes Resultat in diesem Winter war ein sechster Rang bei den slowenischen Juniorenmeisterschaften. Bisher kannten wir sie wegen ihres virtuosen Spiels und ihrer knappen Kleidchen. Und nicht wegen ihrer schnellen Schwünge im Schnee. Auch wenn Miss Mae sportlich gesehen nur eine Olympia-Touristin ist; mit ihr kommt Glamour auf Sotschis Pisten.

Marketingleute werden versuchen, ihr ein Coca-Cola-Fläschchen in die Hand zu drücken, sie mit einem Hamburger von McDonald’s abzulichten oder mit dem Produkt einer Firma, die dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) keinen Rappen zahlt.

Gratis Trittbrettfahren ist jedoch nicht olympisch; die Millionensponsoren haben etwas dagegen. Darum werden Polizisten und sonstige „Sicherheitskräfte“ darauf zu achten haben, dass niemand zu einem Werbeauftritt kommt, der dem IOC nicht Unsummen dafür bezahlt.

Aus diesem Grund werden die Fans gnadenlos gefilzt. Wenn auf ihrer Jacke, ihrer Kappe oder auf ihrem Fanplakat etwas steht, das der Werbepolizei nicht passt, wird unverzüglich die Alarmstufe rot ausgelöst. Ein Beispiel dazu:

Ich war vor zwanzig Jahren in Lillehammer selbst Zeuge, als ein junger Fan ein „Hopp Schwiiz“-Plakat im Rucksack hatte. Eine resolute Marketingdame wies die norwegische Polizei an, dem Zwölfjährigen das Corpus Delicti zu entreissen. Sie hatte gedacht, dass „Schwiiz“ eine Käsemarke sei…

Zu viele Funktionäre und Politiker

Apropos Fans und Funktionäre. Von letzteren wird es in Sotschi, wie immer, zu viele geben. Die mitreisenden Supporter sollten die einzigen Touristen in Sotschi sein.

Auch darum genügt es vollauf, wenn Sportminister Ueli Maurer die offizielle Schweiz vertritt.

Das ist sein Job. Es braucht nicht auch noch den Aussenminister und seine Gattin mitsamt beamteter Begleitung. Die kantonalen Politiker, welche sich auf Staatskosten und aus Spass an der Sache ein Sotschi-Reisli gönnen, sind dort ganz und gar überflüssig.

Einen eher grosszügigen Umgang mit öffentlichen Mitteln hat auch der Mann, welcher die Spiele unbedingt wollte. Als diese vor sieben Jahren vergeben wurden, liess Präsident Putin eine siebenstöckige Antonov An-124 ins tropische Guatemala fliegen. Inhalt des Riesenfrachters: ein kompletter Eispalast! Die über 100 IOC-Mitglieder waren begeistert; sie vergaben die Spiele nach Sotschi.

Wie setzte sich das Gremium zusammen? Einerseits waren es Typen wie der bald hundertjährige, schwer korrupte Ex-Fifa-Präsident Joao Havelange und diverse nachweislich käufliche Afrikaner. Anderseits auch Adlige aus der ganzen Welt und „Wintersportspezialisten“ von der arabischen Halbinsel, aus der Karibik, der Südsee, usw.

Salzburg, München, Stockholm und Graubünden streichen die Segel

Mitkonkurrent Salzburg glaubte allen Ernstes, bei dieser Klientel auf eine ausgezeichnete Präsentation, ein hervorragendes Konzept, beste Skipisten, gut angelegte Langlaufloipen, zweckmässige Eishallen, überschaubare Kosten, Gastfreundschaft und weitere derartige „Nebensächlichkeiten“ setzen zu müssen. Kein Wunder, schauten die gutmütigen Österreicher zum vierten Mal in Folge in die Röhre.

An der Vergabepraxis hat sich bis heute nichts verändert. Bei den Kandidaten hingegen schon: Salzburg hat die Flinte endgültig ins Korn geworfen. Auch München mag für 2022 nicht mehr kandidieren, Graubünden hat sich vor einem Jahr verabschiedet, Stockholm vor wenigen Tagen. Funktionierende demokratische Gesellschaften wollen weder den Gigantismus noch die korrupten Funktionäre bei sich haben.

Gian-Franco Kasper ist Präsident des Internationalen Skiverbandes und seit 14 Jahren IOC-Mitglied. Er sagt klipp und klar, dass 15 der insgesamt 50 Sotschi-Milliarden für Schmiergelder draufgehen. Den Schweizer Polit-Touristen ist das egal.

Privates Profitieren ist ihnen wichtiger als kritisches Hinterfragen. Das entspricht den modernen olympischen Gepflogenheiten.

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