Stockende Reformen - Fifa geht auf Charme-Tour bei Schweizer Politikern und Parteien
1. Mai 2013
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Rheintaler, Thurgauer Zeitung, Appenzeller Zeitung, und div. Tagblatt-Kopfblätter

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Politiker verlieren die Geduld. Weil die Fifa-Reformen stocken, wollen sie Vereinsrecht und Steuerprivilegien des Weltfussballverbandes in Frage stellen. Die Fifa reagiert mit einer Charmeoffensive im Bundeshaus.

JÜRG ACKERMANN

Alexandra Wrage hatte genug. Unter Protest trat die Kanadierin letzte Woche aus dem Expertenkomitee aus, das Reformen zur Korruptionsbekämpfung im Weltfussballverband ausarbeiten soll. Wrage stört sich daran, dass der innerste Machtzirkel um Fifa-Präsident Joseph Blatter höchstens eine Minireform zulassen will.

Eine Amtszeitbeschränkung für Funktionäre, transparente Löhne oder Ethikprüfungen für Fifa-Exekutivmitglieder scheinen chancenlos. Die Antikorruptionsexpertin rügt auch den Bundesrat. Er mache nichts, sagte Wrage der «Sonntags-Zeitung».

Auch der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, der ebenfalls im von Fifa-Präsident Joseph Blatter eingesetzten Expertenkomitee sitzt, kritisiert die Schweizer Politik. Der Staat versage. Die Zeit der Selbstregulierungen sei abgelaufen. «Der Gesetzgeber hätte beispielsweise die Möglichkeit, grössere Transparenz an die Steuerfreiheit zu koppeln», sagt Pieth gegenüber unserer Zeitung.

Zeit zum Handeln

Auch wenn Schweizer Politiker den gestern veröffentlichten Eckert-Bericht als Schritt in die richtige Richtung bewerten, zweifeln viele weiter daran, dass sich das Korruptionsproblem bei der Fifa von alleine löst. Schon seit Bekanntwerden des ISL-Skandals, bei dem sich Fifa-Funktionäre wie der jetzt zurückgetretene Ehrenpräsident João Havelange mit Millionen schmieren liessen, fragen sich Parlamentarier, welche Rolle die Schweiz als Standortland der wichtigsten globalen Sportorganisationen spielen soll.

«Die Fifa muss weit gehende Reformen beschliessen. Sonst kommen wir nicht darum herum, darauf zu drängen, dass sie ihre Gewinne wie jedes andere Unternehmen in der Schweiz versteuert. Zudem ist es nicht mehr richtig, dass dieser Milliardenkonzern der Unterhaltungsbranche gleich wie ein Fünftligaclub als Verein organisiert ist», sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel (SG). Die Gefahr eines Reputationsrisikos für den Sport und für die Schweiz sei akut.

Andere Politiker wie Carlo Sommaruga sehen dies ähnlich. «Die Zeit des Handelns ist gekommen», sagt der Genfer SP-Nationalrat, der Korruption auch bei Sportverbänden zum Offizialdelikt erklären will. Wenn der Gesetzgeber nicht einschreite, werde es nie wirkliche Reformen geben.

Fifa trifft FDP-Politiker

Beim Weltfussballverband scheint man den Ernst der Lage erkannt zu haben. Davon zeugt nicht nur der gestern von Blatter mit Wohlwollen quittierte Eckert-Bericht. Gemäss Recherchen unserer Zeitung verstärkt die Fifa auch ihr Lobbying im Bundeshaus.

Nachdem Blatter im Dezember verschiedene Parlamentarier, welche die Schweiz im fifa-kritischen Europarat vertreten, zu einem Mittagessen einlud, kontaktierte der Weltfussballverband kürzlich auch die Parteisekretariate. Das Ziel der Fifa: den Reformprozess erläutern und sich kritischen Fragen stellen. SVP und CVP bestätigen die Anfrage. Beide Parteien zeigen sich offen für Gespräche.

Bereits stattgefunden hat ein Treffen zwischen der Fifa und FDP-Parlamentariern. «Die Fifa hatte ein Gespräch mit Vertretern der Bundeshausfraktion. Die Gesprächsbereitschaft der Fifa wurde geschätzt, denn es ist wichtig, sich fundiert von allen Seiten zu diesen Fragen informieren zu können», sagt FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher.

Es sind denn auch vor allem liberale Politiker, die vor Eingriffen ins Vereinsrecht warnen. So sieht der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen kaum einen Zusammenhang zwischen der «Reputation der Fifa und dem Ruf der Schweiz als Standortland». Eine Lex Fifa sei deshalb nicht sinnvoll. «Es gibt noch viele andere Sportverbände, die darunter leiden würden, wenn man unnötige Regulierungen erlassen würde.»

Experten fordern Geduld

Experten wie etwa der Lausanner Public-Management-Professor Jean-Loup Chappelet plädieren für eine differenzierte Sicht. Allenfalls müsse sich der Gesetzgeber überlegen, spezielle Regeln für grosse Organisationen wie die Fifa oder das IOC zu schaffen. Sonst bestehe das Risiko, dass diese ähnlich wie Banken oder Rohstofffirmen zum Reputationsrisiko für die Schweiz werden könnten.

Chappelet wünscht sich gleichzeitig aber auch Geduld. Ein Reformprozess einer derart grossen Organisation wie der Fifa erfordere Zeit. Das Internationale Olympische Komitee habe fast zehn Jahre gebraucht, um sich zu erneuern.

Die Fifa selber kämpft derweil weiter mit dem langen Schatten der Vergangenheit. Letzte Woche wurden weitere unappetitliche Details aus dem Korruptionssumpf bekannt. Jack Warner, der lange Zeit einer der wichtigsten Stimmenbeschaffer für Joseph Blatter war, brachte es mit Bestechungsgeldern für Dienste aller Art zu einem Millionenvermögen, wie er nun selber öffentlich eingestand.

Der einst so mächtige Fussballfunktionär aus der Karibik gab seine Stimme offenbar nur selten ohne direkte oder indirekte Bezahlung ab. Die Geständnisse erfolgten nicht ganz freiwillig. Mittlerweile ermittelt das FBI gegen Warner, der bei Blatter 2011 in Ungnade fiel.

Der Fifa-Präsident selber will den Weltfussballverband beim Kongress Ende Mai auf Mauritius mit dem vor einem Jahr eingeläuteten Reformprozess auf Kurs bringen.

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