Selbstbedienungsladen Fifa - ist Büchel Blatters Intimfeind wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ schreibt?
20. Juli 2012
Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ bezeichnet mich heute in einem grossen Artikel als "Intimfeind" von Sepp Blatter. Das ist etwas plakativ.

Es ist jedoch richtig, dass korrupte Fifa-Funktionäre (und solche von anderen grossen Sportverbänden mit Sitz in der Schweiz) sich zu einem Problem für den Ruf unseres Landes entwickeln können.

Diese Problematik wird zunehmend auch in breiten Kreisen in der Schweiz erkannt.

www.faz.net/aktuell/politik/ausland/korruption-im-fussball-weltverband-selbstbedienungsladen-fifa-11825478.html

Hier der ganze Artikel im (gut leserlichen) Volltext:

Korruption im Fußball-Weltverband Selbstbedienungsladen Fifa

Präsident Joseph Blatter hat wieder einmal jede Kritik an sich abperlen lassen. Positiv für ihn wirkt sich aus, dass man sich eigentlich nur in Europa über die Zustände bei der Fifa aufregt.

Von Michael Ashelm, Zürich
 
Roland Rino Büchel ist in der Schweiz so etwas wie ein Intimfeind von Joseph Blatter. Der Abgeordnete der nationalkonservativen SVP im Nationalrat beschäftigt sich seit zwei Jahren intensiv mit den Auswirkungen des undurchsichtigen Machtgeflechts beim Fußball-Weltverband Fifa.
 
Er hat mit Kollegen anderer Parteien Gesetzesvorstöße unternommen, damit die Sonderrechte der etwa 50 in der Schweiz ansässigen internationalen Sportorganisationen fallen.
 
Diese befreien die Verbände bislang nicht nur weitgehend von Steuerzahlungen und sichern ihnen die uneingeschränkte Hoheit über ihre Geschäfte zu, sondern nehmen ihre gemeinnützigen Körperschaften auch vom Schweizer Anti-Korruptions-Gesetz aus. Allein das empfinden viele als Skandal.
 
Wie selbstverständlich hält sich der Fußballkonzern, bei dem sich eigentlich alles ums Geldverdienen dreht und der von den eigenen Leuten als Selbstbedienungsladen missbraucht wurde, für eine „nicht gewinnorientierte Organisation“. Und das bei einem Ertrag von einer Milliarde Dollar und Reserven von 1,3 Milliarden, die zuletzt im Finanzbericht für 2011 ausgewiesen wurden.

Vor allem hat sich der Abgeordnete Büchel die in Zürich residierende Fifa und deren Präsidenten vorgeknöpft. Anfang vergangenen Jahres antwortete er Blatter in einem offenen Brief, nachdem dieser in einem Zeitungsinterview Bestechlichkeit bei seinem Verband ausgeschlossen hatte. Die Kernaussage in Büchels Papier lautete: „Fifa-Funktionäre sind korrupt“.

„Ein weiterer schwerer Imageschaden“

Die Wahrheit hat Blatter mittlerweile eingeholt. Längst stellt sich nicht mehr die Frage, welche Fußballfunktionäre bestechlich sind. Vielmehr geht es längst darum, wie viele von ihnen noch erwischt werden. In der vergangenen Woche sind nach der Freigabe einer Prozessakte durch das Schweizer Bundesgericht die ersten beiden Namen öffentlich geworden.

Der frühere Fifa-Präsident Joao Havelange und das erst kürzlich zurückgetretene Fifa-Vorstandsmitglied Ricardo Teixeira (beide aus Brasilien) haben Millionen an Schmiergeldzahlungen erhalten. Das Geld kam von der 2001 in Konkurs gegangenen Sportrechteagentur ISL, die insgesamt 140 Millionen Franken zur Bestechung von Funktionären verschiedenster Sportorganisationen aufwendete.

Die Firma wurde 1982 vom fünf Jahre später verstorbenen Adidas-Chef Horst Dassler gegründet. Es ist schon jetzt der größte Schmiergeldskandal der Sportgeschichte. Im Mittelpunkt der Verwicklungen steht die Fifa. Weitere Enthüllungen werden erwartet.

„Nach der Diskussion um schmutziges Geld, schlechte Banker und die Schweiz als Steueroase bedeutet das für uns einen weiteren schweren Imageschaden“, sagt Büchel. Dass der Europarat Ende April innerhalb weniger Tage erst die Fifa wegen ihrer mangelnden Bereitschaft zur Aufklärung der Korruptionsvorwürfe rügte und dann die Schweiz als Steuerparadies an den Pranger stellte, habe auch dem letzten Bürger die Situation begreiflich gemacht, so der SVP-Abgeordnete.

Überheblich und uneinsichtig

Für die Schweiz wird die Fifa immer mehr zur Belastung. Abweisend, überheblich und uneinsichtig gab sich am Dienstag Fifa-Boss Blatter im Hauptquartier des Verbandes, als er bei der Vorstellung der neuesten Reformschritte wieder einmal nach seiner Verantwortung befragt wurde. Blatter merkte nur süffisant an, er sei bei der Fifa für den Erfolg zuständig. Transparency International hatte ihn zuvor als unseriösen Geschäftspartner bezeichnet.

Aus Deutschland gab es Rücktrittsforderungen, nachdem er selbst zugegeben hatte, von dubiosen Zahlungsströmen der ISL-Agentur gewusst zu haben.

Zugleich wies Blatter aber darauf hin, dass die Geldgeschenke zur damaligen Zeit nicht strafbar gewesen seien und deutete im Gegenzug Mauscheleien an bei der deutschen WM-Bewerbung für 2006. Im Umgang mit der Krisensituation kann der 76 Jahre alte Blatter die alten Reflexe des Sonnenkönigs vom Zürichberg nicht ablegen. Weiterhin gibt er sich in seiner monumentalen Fifa-Festung als Feudalherr.

Der Baseler Strafrechtler Mark Pieth, der als renommierter Anti-Korruptions-Kämpfer das Reformvorhaben bei der Fifa seit dem vergangenen Jahr maßgeblich vorantreibt, hat den Fifa-Chef in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „mediale Hypothek“ bezeichnet. Dennoch wird Blatter von Pieth gestützt.

Blatter arbeitet seit 37 Jahren für die Fifa

Es ist schon eine merkwürdige Situation. Der Umbau der Fifa soll mit dem vorhandenen Personal bei vollem Betrieb stattfinden. Seit dieser Woche existieren ein neuer Ethik-Kodex und eine neue Ethikkommission mit zwei unabhängigen Experten an der Spitze der beiden Kammern, die schlagkräftig als Ankläger und Richter wirken sollen. Derweil halten die Reformer, zu denen neben dem externen Berater Pieth auch der frühere deutsche Fußballpräsident Theo Zwanziger als neues Mitglied des Fifa-Vorstands gehört, Blatter für eine gut zu kontrollierende Größe mit Durchsetzungsvermögen.

Blatter arbeitet seit 37 Jahren in verschiedenen Funktionen bei der Fifa, mittlerweile in der vierten Wahlperiode als Präsident. Mit seiner Hilfe sollen die alten Seilschaften gekappt werden.

Es geht in dem finsteren Innenleben der Fifa um Figuren wie den Argentinier Julio Grondona. Er ist noch erster Stellvertreter Blatters, Vorsitzender der Finanzkommission und soll - auch mittels der Fifa - auf dubiosen Wegen an Millionen gekommen sein.

Sechs der 24 Mitglieder des Fifa-Vorstands sind inzwischen entweder freiwillig abgesprungen oder wurden dazu gedrängt. Dazu gehörte auch der Qatarer Mohamed Bin Hammam, der wegen seiner angeblichen Bestechungsversuche im schmutzigen Präsidentenwahlkampf gegen Blatter im vergangenen Jahr von der Fifa lebenslang ausgeschlossen wurde.

Doch dessen Sperre ist am Donnerstag aufgrund unzureichender Beweise vom Internationalen Sportgerichtshof aufgehoben worden. Das wird Blatter nicht gefallen.

Außerhalb Europas ist das Interesse geringer

In der Öffentlichkeit herrscht Unverständnis darüber, dass er als Oberstrippenzieher nicht längst abserviert wurde. „Man konzentriert sich in dieser Diskussion zu sehr auf eine Person. Wir haben bei der Fifa aber ein systemisches Problem vorliegen. Wie sehr der Wurm im Gebälk steckt, könnten wir sehen, wenn Blatter jetzt gehen würde“, sagt Pieth. Dann bräche das Reformprojekt in sich zusammen, ist er sich sicher.

Der 58 Jahre alte Pieth war bei den Vereinten Nationen an der Aufklärung des Korruptionsskandals um das Programm „Öl für Lebensmittel“ beteiligt. Dabei hatten Firmen aus aller Welt über viele Jahre die Wirtschaftssanktionen gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein unterlaufen.

Pieth leitet das Basel Institute of Governance und zugleich die Arbeitsgruppe gegen Korruption in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er berät die Weltbank und große Unternehmen.

Im Unterschied zu Konzernen kann bei der Fifa nicht einfach von heute auf morgen ein neuer Vorstand installiert werden. Die Mitglieder der Fifa-Regierung werden von den sechs Kontinentalverbänden bestimmt. In der Schweiz und Deutschland sorgt der Fifa-Skandal für Empörung, auch die Engländer interessieren sich für die Vorgänge, gingen sie doch bei der umstrittenen WM-Vergabe 2018 leer aus und hoffen auf Aufklärung. Aber schon woanders in Europa ist das Interesse geringer, in Asien oder Afrika werden die Probleme kaum noch wahrgenommen.

209 Nationalverbände bestimmen über Politik und Führungspersonal der Fifa. Das macht den Reformprozess nicht einfacher. Zudem muss auf eine Selbstregulierung vertraut werden, weil staatlicher Druck in der Schweiz wegen der Sonderregelungen für Sportorganisationen ausfällt. Das bemängeln Kritiker seit Jahren. „Siemens musste etwas tun, sonst wäre das Unternehmen von der Börse entfernt worden. Über der Fifa ist nur noch der Himmel. Das macht es nicht einfacher“, sagt Pieth.

Wenn die Vorstandsmitglieder der Fifa nach ihren Sitzungen im Luxushotel Baur au Lac einkehren, kann es passieren, dass ein schlanker älterer Herr mit grauen Haaren den einen oder anderen langjährigen Funktionär im Foyer herzlich begrüßt. Dabei handelt es sich um Jean-Marie Weber. Er war einst Vizepräsident der ISL-Agentur und der Geldbriefträger für die Bestechungs-Millionen. Man wüsste gerne mehr, um was es bei den Gesprächen dann geht.

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