Blatter weiss mehr als er öffentlich zugibt - sagt Büchel im Radiointerview
17. Juli 2012
Erschienen in: Deutschlandradio Kultur

Dieses Interview wurde heute Morgen live gesendet, vor der entscheidenden Sitzung des Fifa-Exekutiv-Komitees. Hier die Ton- und die Textversion dazu:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1813945/

 

Schweizer Nationalrat Bücher über den FIFA-Chef und Schmiergeldzahlungen

Roland Rino Büchel im Gespräch mit Hanns Ostermann

Nach Ansicht von Roland Rino Büchel, Sportmanager und Nationalrat für den Kanton St. Gallen, gibt es im FIFA-Eekutivkomitee "nachweislich korrupte Leute". Es gebe 16 Empfänger von Schmiergeldzahlungen, die in den Gerichtspapieren aufgeführt seien, allerdings nicht namentlich.

Hanns Ostermann: Wenigstens von einer Seite droht ihm kein Ungemach: Das Internationale Olympische Komitee wird nicht gegen Sepp Blatter ermitteln, gegen den Chef des Weltfußballverbandes. Allerdings: Auch die Herren der Ringe wollen wissen, was sich da in den letzten Jahren bei der FIFA zugetragen hat, wohin Millionen Schmiergelder gewandert sind und wie sportliche Großereignisse vergeben wurden.

Heute soll wieder einmal ein Schritt in eine saubere Zukunft gemacht werden, in Zürich tagt das Exekutivkomitee, das höchste Gremium. Da soll einmal ein Ethik-Reglement verabschiedet werden und es geht um die Einrichtung zweier unabhängiger Kammern. Sind das wirklich die richtigen Schritte? Darüber möchte ich mit Roland Rino Büchel sprechen, er ist Nationalrat für den Kanton St. Gallen und beobachtet die FIFA seit Jahren mehr als kritisch. Guten Morgen, Herr Büchel.

Roland Rino Büchel: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: "FIFA-Ethikkommission" wurde bei Ihnen 2010 Unwort des Jahres in der Schweiz. Passen Ethik und FIFA überhaupt zusammen?

Büchel: Es ist schwer. Wenn man gesehen hat, was in den letzten Monaten und Wochen an die Öffentlichkeit gekommen ist, dann muss man sagen, nicht wirklich, nein.

Ostermann: Aber 2010 wurde es bereits das Unwort. Das heißt, die Versäumnisse, die Fehler, die Mängel bei der FIFA sind doch viel länger und liegen viel länger zurück.

Büchel: Ja. Die gehen zurück in die 80er-Jahre. Und die berühmten 142 Millionen, die jetzt wirklich bewiesen am Tageslicht sind, die wurden zwischen 1989 und 2001 geschmiert. An Funktionäre - nicht nur bei der FIFA, übrigens auch beim IOC.

Ostermann: Insofern ist es ja auch verständlich, dass das IOC sich auf Sepp Blatter nicht einschießt, denn eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Büchel: Sie sagen es. Da kann ich nichts weiter dazu sagen, ja.

Ostermann: Herr Büchel, wo sehen Sie besonderen Aufklärungsbedarf, bei den Schmiergeldern, die Sepp Blatter für nicht justiziabel hält oder bei der insgesamt fehlenden Transparenz des Verbandes?

Büchel: Es sind beide Sachen. Aber die Schmiergelder sind natürlich das aktuelle Thema. Das ist jetzt auf dem Tisch. Wenn die Fifa sagt, was sie machen wird in Zukunft, tönt alles schön und gut. Das ist auch recht so. Sie haben es gesagt, Herr Ostermann. "Fifa-Ethikkommission" war bei und das Unwort des Jahres.

Da gibt es für die Fifa also durchaus Verbesserungspotenzial.

Bei den Funktionären, die aktuell im Exekutivkomitee sitzen, hat es nachweislich korrupte Leute drunter. Namentlich bekannte und andere, die namentlich noch nicht bekannt sind. Es gibt 16 Empfänger aus der Welt der Sportfunktionäre. Die sind auf den Gerichtspapieren aufgeführt, die meisten nicht namentlich, sondern als E1 bis E16.

Ostermann: Das heißt, die zwei Kammern, die geplant sind, sind ein Muster ohne Wert?

Büchel: In der Zukunft irgendwann wird das vielleicht schon was nützen. Aber sie müssen doch jetzt die Probleme lösen, die auf dem Tisch sind. Das andere kann man und muss man auch machen. Wenn das Haus brennt, müssen Sie jedoch zuerst löschen. Erst dann können Sie nachher wieder aufbauen.

Ostermann: Und oberster Feuerwehrmann soll möglicherweise zukünftig ein Chefankläger werden. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung, um einen Verband aufzuräumen, in einem Verband aufzuräumen, der in der Korruptionsbekämpfung 30 Jahre hinterherhinkt?

Büchel: Ja. Aber bis der sich eingelesen hat, bis der alles kennt, da wird wieder Zeit vergehen. Das ist natürlich das andere Problem.

Ostermann: Die Politik hat lange tatenlos zugesehen, vielleicht auch in der Hoffnung, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Warum wird die FIFA bei Ihnen in der Schweiz steuerrechtlich immer noch als Verein betrachtet und nicht als riesiges Unternehmen der Unterhaltungsindustrie?

Büchel: Ja, die Frage stelle ich mir auch. Und das ist genau mein Druckmittel, das ich politisch anwende. Es gibt ja verschiedene Wege. Man kann die Korruptionsgesetze ändern. Das tönt sehr gut, ist aber je nach Fall wirkungslos.

Was aber wirkt und die Sprache, welche die verstehen - Sie haben es gesagt -, das ist einerseits das Vereinsrecht. Die Fifa, zum Beispiel, das ist ein Verein wie ein Fünftliga-Fußballclub oder ein Kaninchenzüchterverein - genau der gleiche Status. In der Schweiz gibt es über 100.000 solcher Vereine. Und das Zweite sind natürlich die Steuerprivilegien, welche die Verbände bei uns haben. Da muss man denen wirklich einmal klar und deutlich sagen: Wenn ihr euch weiterhin so verhaltet, wie ihr euch verhalten habt in den letzten Jahren, dann ist mit dem Schluss.

Ostermann: Herr Büchel, ich bin da ein bisschen skeptisch, wenn ich beispielsweise an die Vergabe der Weltmeisterschaften denke und an die Mittel, die die FIFA den Gastgeberländern aufdrückt. Auch dort lassen sich ja einige Länder durchaus über den Tisch ziehen und beugen sich dem Druck des Weltfußballverbandes. Warum sollte das bei Ihnen in der Schweiz anders sein?

Büchel: Absolut, da bin ich mit Ihnen einverstanden. Wir hatten auch die Europameisterschaft in der Schweiz, zusammen mit Österreich 2008. Diese wurden zwar von der Uefa organisiert, doch das war ziemlich ähnlich. Aber ich glaube, dass die jetzigen Erkenntnisse jetzt wirklich weltweit und breit diskutiert werden.

Der Grund dafür ist die Veröffentlichung des des amtlichen Papiers der Zuger Staatsanwaltschaft.

Jetzt muss der Druck wachsen, und zwar von den Leuten, die bezahlen. Das sind die Sponsoren, die Fernsehrechtehalter, die Zuschauer. Wenn die gemeinsam Druck machen, zusammen mit den Verbänden, können positive Resultate erreicht werden. 

Jetzt muss man sich halt mal hinstellen - Deutschland, England, Spanien, also die großen. Sie dürfen sich nicht immer dirigieren lassen von irgendwelchen kleinen Karibiknationen oder Südseenationen. Wenn man wirklich zusammenarbeitet, dann ist, glaube ich, jetzt der Moment da, wo die Lösung möglich ist. Es wird verstanden wird, dass man hart durchgreift.

Ostermann: In jedem Fall wird die Luft dünner für Blatter, den Sie gut kennen,. Wie lange hält er sich noch auf seinem Posten?

Büchel: Das ist schwer zu sagen. Er sagt natürlich und auch zurecht: Ich bin vom Kongress gewählt - und das noch für weitere drei Jahre. Er spricht sogar schon davon, sich 2015 wiederwählen zu lassen.

Ostermann: Er will sich noch einmal wiederwählen lassen?

Büchel: Ja, er hat das angekündigt, angedroht, wie immer Sie wollen, tatsächlich! Und wenn Blatter das will, dann gebe ich Ihnen eine Garantie, dann will er nicht reformieren. Er kann nur reformieren, wenn er sagt okay, ich kann die unsauberen Leute jetzt rauskicken. Sonst müsste er sich ja von Korrupten wieder wählen lassen.

Er ist seit 38 Jahren bei der FIFA. Er weiß natürlich mehr als das, was er öffentlich zugibt.

Ostermann: Vor der heutigen Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees - Roland Rino Büchel, der Schweizer Nationalrat. Herr Büchel, danke für das Gespräch.

Büchel: Vielen Dank, Herr Ostermann.

Nach Oben

 © Roland Rino Büchel Realisiert durch RightSight.ch