Europarat nimmt die Fifa ins Visier und stellt Fragen zur Wahl von Sepp Blatter
20. März 2012
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Appenzeller Zeitung, Der Rheintaler, Wiler Zeitung, Toggenburger Tagblatt, div. Regionalzeitungen

Der obige Artikel wurde für die Zeitung leicht gekürzt und angepasst. Lesen Sie hier den Originaltext:

Die internationale Politik befasst sich mit der Fifa. Der Europarat fordert den milliardenschweren Verband auf, Blatters Wiederwahl zum Präsidenten zu untersuchen.

Blenden wir zurück: Blatter war im vergangenen Juni der einzige Kandidat für den Fussball-Olymp. Sein Gegner, der vormalige Fifa-Vizepräsident Mohamed bin Hammam, wurde vorher vorsorglich abgeschossen. Er hatte in der Karibik eine Million Dollars in 25 Couverts stecken und den Delegierten verteilen lassen. Pech für ihn; alles wurde gefilmt.

Mehr als ein Empfänger fragte sich allerdings, warum er genau jenes Mal das dargeboten Handgeld nicht hätte nehmen dürfen. Kenner der Szene wissen warum: Diese Notenbündel waren für einmal nicht für, sondern gegen Präsident Blatter eingesetzt worden.

Der Europarat will eine andere Frage geklärt haben. Hat Sepp Blatter seine Stellung als amtierender Fifa-Präsident im Wahlkampf missbraucht? Hat er Fifa-Mittel eingesetzt, um die käuflichen unter den 208 Stimmberechtigen zu beeinflussen?

Ich habe den 21seitigen Europarats-Bericht genau gelesen. Er ist von einem einflussreichen Ausschuss soeben einstimmig verabschiedet worden. Das Papier wird Ende April in der Generalversammlung behandelt.

Dort kämpft die unerschrockene Viola von Cramon-Taubadel gegen die Korruption im Sport. Sie geht pragmatisch an die Sache heran. Mit ihr traf ich mich Ende Februar in Zürich. Sie ist nicht nur Delegierte in Strassburg sondern auch Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Sportausschusses. Die deutsche Politikerin der Grünen war für drei Tage in der Schweiz und stellte den richtigen Leuten die richtigen Fragen.

Seien wir klar: Es ist mehr als nur unangenehm, wenn es wegen der Fifa immer wieder (berechtigte) Kritik an die Adresse der Schweiz gibt. Die korrupten Funktionäre schaden dem Ruf unseres Landes.

Dass die Untätigkeit der Schweizer Behörden gegeisselt wird, wäre jedoch nicht nötig. Warum? Der Nationalrat hatte die Problematik schon im Jahr 2010 erfasst und von Bundesrat und Verwaltung einen Bericht zu den Machenschaften innerhalb der internationalen Sportverbände verlangt; Ablieferungstermin Ende letztes Jahr. Der Ständerat zögerte den Bericht um ein Jahr hinaus. Warum? Das wissen die Götter, ein paar Lobbyisten und vielleicht Sepp Blatter.

Nun hat der Europarat mit seinen 124 Punkten zum Thema «Good Governance und Ethik im Sport» zugeschlagen. Die Politiker kritisieren die eingeschränkte Transparenz in den Finanzen der steuerprivilegierten Fifa. Erstaunt zeigen sie sich auch über die hohen Lohnkosten beim Verband, der den gleichen rechtlichen Status hat wie ein Chüngelizüchter-Verein.

Die Experten ziehen einen Vergleich: Für die 387 Angestellten und 24 Mitglieder des Exekutivkomitees gab die Fifa im Jahr 2010 insgesamt 102 Millionen Dollars aus. Das sei um die Hälfte mehr als die fast doppelt so vielen Mitarbeiter und alle 47 Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhalten.

Die internationalen Medien sind gespannt, wie sich unsere Europarats-Delegierten, alles National- und Ständeräte, verhalten werden, wenn der Bericht behandelt wird. Ich auch. Die Vollversammlung des Europarates tagt in Strassburg; die Schweiz hat sechs Stimmen.

Hochbrisant: Die Fifa wird per Resolution dazu aufgefordert werden, den mittlerweile weltbekannten „ISL-Fall“ nochmals aufzurollen. Bis im letzten Dezember hatte sich der Blatter-Verband gerichtlich dagegen gewehrt. Vergebens. Zwei korrupte Fifa-Exponenten kämpfen weiterhin gegen die Transparenz.

Der Hauptbetroffene ist Ricardo Teixeira, der kürzlich aus Rio de Janeiro nach Florida geflüchtet ist. Nach 23 Jahren uneingeschränkter Herrschaft hat er das Amt als Präsident des brasilianischen Fussballverbandes niedergelegt, dasjenige als Chef der kommenden Fussball-WM Brasilien 2014 auch. Das war letzte Woche. Seinen Sitz im Fifa-Vorstand behält er (noch).

Kein Wunder, dass der Europarat den grossen internationalen Sportverbänden, die ihren Sitz allesamt in der Schweiz haben, nicht mehr traut. Der Rapport lässt keine Zweifel offen: „Selbstregulierung ist sehr wichtig. Aber wenn die Probleme nicht aufhören, sollten Regierungen einschreiten. Autonomie ist für die Interessen des Sports da, nicht für die Interessen von skrupellosen Individuen“, lauten die unmissverständlichen Worte aus Strassburg Richtung Schweiz.

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