Die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ berichtet über den Vorstoss Büchel zur Interpol-Spende der FIFA
29. Mai 2011
Erschienen in: FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die beiden Journalisten Michael Ashelm und Roland Zorn verfassten einen FIFA-kritischen Artikel und berichteten als weltweit erste Zeitung über den Vorstoss Büchel zum Interpol-Sponsoring der FIFA. (Die entsprechenden Abschnitte am Schluss des Artikels sind fett herausgehoben.)

Schmutzig, schmutziger, Fifa

Freie Fahrt für Blatter - Bin Hammam gibt auf

Unvermutete Wende im schmutzigen Duell um die Herrschaft im Weltfußball: Bin Hammam, der Herausforderer des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, zieht seine Kandidatur zurück. Blatters Wiederwahl scheint somit sicher.

Von ROLAND ZORNMICHAEL ASHELM

 

 

 

 

 

Die am Mittwoch in der Zürcher Messe auf der Agenda des Fifa-Kongresses anstehende Wahl des Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes lief in den vergangenen Tagen auf den vielleicht größten Skandal hinaus, der die skandalgeplagte Fifa je heimgesucht hat. Seit Samstagnachmittag aber scheint sicher, dass es zum Duell der von Freunden zu Feinden gewordenen Fußball-Alphatiere Joseph Blatter und Mohamed bin Hammam nicht mehr kommen wird.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erfuhr am Rande des Champions-League-Finales in London aus sicherer Quelle, der 62 Jahre alte qatarische Herausforderer gegen den 75 Jahre alten schweizerischen Amtsinhaber nicht mehr antreten wollte. Mittlerweiler hat der Qatarer seinen Verzicht auf seiner offiziellen Homepage bestätigt. Somit steht einer vierten Amtszeit des 1998 erstmals zum Fifa-Präsidenten gekürten Blatter nichts mehr im Wege.

Ob Fifa-Vizepräsident bin Hammam an diesem Sonntag wegen des Vorwurfs der Bestechung von Mitgliedern der Karibischen Fußball-Union vor der Ethikkommission der Fifa gehört wird (siehe: Fifa-Machtkampf: Ermittlungen gegen bin Hammam) wie der wegen desselben Vorwurfs vor die Sittenrichter des Weltverbandes gerufene Kollege Jack Warner aus Trinidad und Tobago, auch er ein langjähriger Fifa-Vizepräsident, bleibt offen wie auch die Einvernahme von Blatter selbst, den bin Hammam bei der Ethikkommission angezeigt hatte (siehe: Fifa: Untersuchung auch gegen Blatter). Der Walliser habe, so die bizarre Einlassung des qatarischen Fußball-Spitzenfunktionärs, von den angeblichen Zahlungen, mit denen er selbst in Zusammenhang gebracht wird, gehört und den Fall nicht weiter verfolgt. Tatsächlich sollen die Indizien, dass es bei dem Treffen bin Hammams mit den karibischen Fußballpräsidenten zu unmoralischen Angeboten gekommen sei, deutlich gegen den Qatarer sprechen.

 

Der Schaden ist immens

Der Schaden in der bisher heftigsten und unappetitlichsten Auseinandersetzung, die es in der Geschichte der Fifa zwischen zwei Spitzen des 208 Mitglieder starken Weltverbandes gegeben hat, ist trotz des bevorstehenden Rückzugs von Blatters Herausforderer immens. Die Glaubwürdigkeit der Fifa, die schon rund um die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und vor allem 2022 an Qatar erheblich gelitten hat, ist nach den jüngsten einer ganzen Reihe von tatsächlichen und möglichen Korruptionsfällen schwer erschüttert.

Auch wenn Blatter am Mittwoch noch einmal an die Spitze der Fifa gewählt wird, hat auch sein jenseits der Welt des Fußballs ohnehin schon ramponiertes Ansehen weiter gelitten. Der Verband braucht dringend neue Gesichter und ein neues Profil, um für die Zukunft wieder etwas von den Werten zu verkörpern, die in den Festreden vor allem von Blatter stets beschworen werden. Der eigentliche Gewinner der wochenlangen Schlammschlacht zwischen bin Hammam und Blatter heißt Michel Platini. Der Franzose, ein ehemaliger Weltklassespieler und untadeliger Sportsmann, führt die Europäische Fußball-Union (Uefa) seit 2007 mit großem Geschick und Erfolg an. Er dürfte 2015 seinen alten Förderer Blatter an der Spitze der Fifa beerben – wenn nicht schon etwas eher.

Warner kündigte „Fußball-Tsunami“ an

Für Skandale und Affären hat die Weltzentrale des Fußballs immer wieder gesorgt. Gegen Ende der seit Samstag abgeblasenen Auseinandersetzung zwischen Blatter und bin Hammam verging fast keine Stunde, ohne dass in dem erbittert geführten Kampf um die Macht an der Spitze der Organisation neue anrüchige Details bekannt wurden. Das schmutzige Duell war schließlich außer Kontrolle geraten und bewies so deutlich wie niemals zuvor, in welch erbärmlichem Zustand sich der reichste Sportverband der Welt personell befindet.

Der mit Bestechungsvorwürfen beschuldigte Fifa-Vizepräsident Warner hatte vor seiner Abreise nach Zürich am Samstag noch einen „Fußball-Tsumami“ angekündigt. Die Welt müsse sich auf brisante Enthüllungen gefasst machen, sagte der karibische Spitzenfunktionär. „In den kommenden zwei Tagen werden sie einen Fußball-Tsunami erleben, der die Fifa und die Welt erfassen wird, und das wird sie schockieren“, sagte Warner, einer der großen Strippenzieher des Fußballs und seit Jahren skandalumwittert.

Acht Mitglieder des Exekutivkomitees unter Verdacht

Eigentlich müsse die Wahl um die Position an der Spitze der Fifa, die am kommenden Mittwoch beim Kongress in Zürich stattfinden soll, verschoben werden. Dies forderte am Samstag der britische Sportminister Hugh Robertson. Er will sich zudem dafür einsetzen, mit anderen Staaten in Europa Druck auf die Fifa in der Schweiz auszuüben, damit dort endlich ernstzunehmende Reformen gegen das korrupte Fußballsystem angegangen werden.

Insgesamt acht Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, das ist die mit 24 zumeist älteren Herren besetzte Regierung des Weltverbandes, sahen sich zuletzt mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert. Hinzu kommen jetzt noch der am Samstag verhörte Blatter und Bin Hammam. Alles fing im vergangenen Jahr vor der WM-Vergabe an Russland (2018) und Qatar (2022) an, als die Fifa zur Beruhigung ihrer Kritiker zwei Mitglieder der Exekutive aus Tahiti und Nigeria wegen der Verletzung des Ethikcodes aus dem obersten Gremium verbannte. Für Aufsehen sorgte in diesen Wochen der frühere Vorsitzende des englischen Fußballverbandes und Präsident der gescheiterten WM-Bewerbung Englands, Lord Triesman, der die vier Topfunktionäre mit Namen nannte und aussagte, sie hätten für Gegenleistungen bei der WM-Vergabe pro England gestimmt, wenn er damals auf die Angebote eingegangen wäre.

Die Verantwortung für das ganze Desaster tragen viele dubios anmutende Herren – auch bin Hammam. Aber vor allem trägt sie der Mann ganz oben an der Spitze der Organisation. Der 75 Jahre alte Blatter ist seit 1998 Präsident, diente vorher seinem ebenso umstrittenen Vorgänger und mächtigen Förderer Joao Havelange aus Brasilien. Dieses System ist nun am Tiefpunkt angekommen.

Ein gewiefter Wahlkämpfer

Blatter war auch diesmal wieder ein gewiefter Wahlkämpfer – solange es nur um seine eigene Person ging. Die Dachverbände aus Europa, Afrika, Südamerika und Ozeanien signalisierten ihm, dass sie ihn wiederwählen würden. Blatter selbst gab sich seit Wochen siegessicher in einem Zweikampf, bei dem bin Hammam immer mehr zum krassen Außenseiter wurde. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) steht hinter Blatter. 1998 und 2002 wollte man den Schweizer noch weghaben und unterstützte dafür den damals schon zweifelhaften afrikanischen Kandidaten Issa Hayatou, der nun ebenfalls zum Kreis der belasteten Topfunktionäre gehört.

DFB-Präsident Theo Zwanziger zieht nächste Woche für Franz Beckenbauer in die Fifa-Exekutive ein und sagte auf Anfrage: „Die Fifa tut sehr viel Gutes für die Entwicklung des Fußballs weltweit. Vor allem auch in armen Ländern. Das wird aufgrund der aktuellen Imageprobleme leider oftmals vergessen. Aber sicherlich muss man auch an der einen oder anderen Stelle Verbesserungen in die Wege leiten, das ist doch ganz normal.“

Die Frage, ob Blatter der richtige Kandidat sei, um für die Integrität der Fifa zu stehen, wollte der DFB-Präsident nicht beantworten. Im vergangenen Herbst erhielt der Schweizer aus seiner Hand die Ehrenmitgliedschaft des DFB. Und wenn Blatter wiedergewählt ist, sitzt er bei der Frauenfußball-WM in Deutschland wieder in der Ehrenloge neben Zwanziger.

Milliardenschweres Monopol

Das milliardenschwere Fußball-Monopol der Fifa hat über Jahrzehnte gehalten. Und selbst die Sponsoren scheuen sich, Druck auf den Weltverband wegen seines fragwürdigen Geschäftsgebarens auszuüben, weil sie die Ware Fußball brauchen. Es handelt sich um multinationale Konzerne wie Coca Cola, Visa, Sony oder Adidas, die seit einigen Jahren strenge Compliance-Regeln befolgen und dies ihren Kunden gegenüber offensiv kommunizieren. In Sachen Fifa bleiben sie jedoch stumm. Nur Adidas wagt sich in der schlimmsten Fifa-Krise ein Stück aus der Deckung heraus. „Die immer wiederkehrenden Vorwürfe sind weder gut für das Ansehen des Fußballs noch für die Fifa selbst. Sie ändern allerdings nichts an unserer Zusammenarbeit, die auf der Faszination des Fußballs als Sport basiert“, sagt Unternehmenssprecher Oliver Brüggen.

Gerade die Werbepartner, die Millionen an die Fifa überweisen, hätten die Möglichkeit, Veränderungen zu erzwingen. „Eigentlich müssten noch mehr große Sponsoren deutlich ihre Meinung sagen“, sagt Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied des Deutschland-Ablegers von Transparency International.

Die 20-Millionen-Spende

Um den Weltverband und die fragwürdigen Fußballstrukturen herum scheint sich allerdings doch eine Gegenbewegung aufzubauen. In der Schweiz, der administrativen Heimat der Fifa, soll auf Betreiben einiger Parlamentsmitglieder aus verschiedenen Parteien die merkwürdige Steuerbefreiung des Fußball-Konzerns, der gerade einen Überschuss von 630 Millionen Dollar meldete, und die noch absurdere strafrechtliche Unantastbarkeit der Funktionäre bei Korruptionsfällen gekippt werden.

Anfang kommender Woche wird der Abgeordnete Roland Büchel von der Schweizerischen Volkspartei eine Anfrage an die Regierung in Bern stellen. Es geht um die 20-Millionen-Spende, die Blatter gerade eigenmächtig an der Fifa-Exekutive vorbei an Interpol gegeben hat. Es ist die größte Spende einer Privatorganisation, welche die internationale Polizeibehörde je bekommen hat. Es heißt, damit wolle die Fifa die Aufdeckung krimineller Machenschaften im Fußball unterstützen.

Genaue Projektbeschreibungen gibt es bisher aber nicht - und es stellen sich Fragen. „Teilt der Bundesrat die Ansicht, dass es mit dem Status einer seriösen polizeilichen Organisation nicht vereinbar ist, sich von einem Sportverband mit gerichtlich dokumentiertem zweifelhaften Ruf finanzieren zu lassen?“, lautet ein Punkt bei Büchels Vorstoß. Er kennt sich aus. Der Sportmanager war einst bei der Fifa-Hausagentur ISL tätig, die pleite gegangen ist und laut eines Gerichturteils zum Schmiergeld-System der Fifa gehörte.

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