Konkurs des weltweit grössten Sportvermarkters (ISMM/ISL) - ein Exklusiv-Bericht aus dem Gerichtsaal
19. März 2008
Erschienen in: stadt24.ch

ISL-Konkurs und 138 Millionen-Franken Schmiergelder
 
ISL Konkurs. Stadt24.ch
 
Lesen Sie unser Exklusiv-Interview mit Kantonsrat Roland Rino Büchel. Er ist der einzige Ostschweizer, welcher die Machenschaften innerhalb der ISMM/ISL eins zu eins miterlebt hat.
 
Die meisten Sportmarketer stammen nämlich aus England, Deutschland, Australien und den USA. Der Rheintaler war als ISL-Angestellter verantwortlich für diverse Juniorenweltmeisterschaften der FIFA in Argentinien, Trinidad & Tobago, Guatemala und in Afrika.
 
Büchel verfolgt den Strafprozess von der Zuschauerbank aus. Er ist dabei der einzige von all den ehemaligen ISL-Mitarbeitern. Ausser den sechs Angeklagten – doch die haben keine andere Wahl, sie gehören in den Gerichtssaal.
 
Fortsetzung des Prozesses ab dem 31. März 2008, die Urteile sind für den Sommer 2008 zu erwarten.
 
 
stadt24.ch:

- Letzte Woche fanden in Zug die ersten Verhandlungstage im Strafprozess gegen sechs Geschäftsleitungsmitglieder der ISL/ISMM-Gruppe statt. Sie haben das Geschehen mitverfolgt.
 


Roland Rino Büchel:

Ja, und ich war erstaunt, dass nur sechs Leute der obersten Führungsriege der ehemaligen ISL/ISMM-Gruppe auf der Anklagebank sassen. Da hätte noch eine Handvoll anderer Herren dazugehört. Hingegen war ich über die Anwesenheit von einer ganzen Riege an Staranwälten kaum überrascht. Es waren Top-Leute darunter, welche im legendären Swissair-Strafprozess Freisprüche für die gescheiterten Airline-Bosse erlangten!
 
- Im aktuellen „Fall Zug“ ging es auch um beträchtliche Auslagen für den „Rechte-Erwerb“. Waren diese Schmiergeldzahlungen von 138 Millionen Franken bis jetzt überhaupt bekannt?
 
Nein, die Veröffentlichung durch das Gericht war „eine Bombe“. Während der Verhandlungspausen habe ich mit einigen der besten Enthüllungsjournalisten gesprochen. Der weltweit bekannte Brite Andrew Jennings sowie die beiden Deutschen Thomas Kistner und Jens Weinreich (Sportchef Berliner Zeitung) haben schon verschiedene Bücher über die Korruption im internationalen Sport geschrieben. Jean-François Tanda (SonntagsZeitung) ist ein weiterer Spezialist. Sie haben im Fall ISL jahrelang recherchiert. Nicht einmal sie hatten die leiseste Ahnung über den Umfang der getätigten Schmiergeldzahlungen.
 
Bekannt und belegt waren bisher „lediglich“ 18 Millionen, welche über eine liechtensteinische Stiftung und eine Gesellschaft auf den Virgin Islands verschwanden.
 
- Sind Sie der Ansicht, dass es neben den sechs Angeklagten weitere Verantwortliche für die Milliardenschäden an Gläubigern der Zuger Firmen ISL/ISMM gab?

Die Firmengruppe ist im Mai 2001 Konkurs gegangen. Das war, abgesehen vom Fall Swissair, die grösste schweizerische Firmenpleite aller Zeiten. Die Beschuldigten und deren Anwälte sind der Ansicht, dass die FIFA-Verantwortlichen schuld am Niedergang ihres Marketingpartners seien und damit am Milliardenschaden, welcher den Gläubigern entstanden ist.
 
Diese Anschuldigung mag parteiisch sein. Die folgende ist es nicht. Es ist die Meinung vieler Beobachter der schleppenden Konkursabwicklung, dass der zuständige Mann in den Monaten vor dem Konkurs und zugleich Liquidator nach dem Konkurs für den Schaden zumindest mitverantwortlich ist. Kaum zu glauben: Der Sachwalter und der Konkursverwalter ist tatsächlich ein- und dieselbe Person! Es handelt sich um Thomas Bauer von der Firma Ernst & Young.
 
- Zurück zu den Angeklagten im Prozess, wo die Staatsanwaltschaft verlangt: Jean-Marie Weber, ein intimer Freund von FIFA-Präsident Sepp Blatter, soll für viereinhalb Jahre ins Zuchthaus. Würde er reden – er könnte sein Strafmass wahrscheinlich massiv senken. Trotzdem schweigt er vor Gericht beharrlich. Können Sie das verstehen?
 
Nein. Und ich kann noch weniger verstehen, dass Liquidator Thomas Bauer mit Herrn Weber schon vor Jahren einen Korruptionsverdunkelungsvertrag aushandelte, bei dem lediglich 2.5 Millionen Franken aller ausbezahlten Schmiergelder in die Konkursmasse zurückflossen. Der Gipfel dabei: In diesem Vertrag ist festgeschrieben, dass sämtliche „Endbegünstigten“, welche „direkt oder indirekt mit dem Fussball verbunden sind“ juristisch nicht mehr verfolgt werden dürfen!
 
- Demzufolge hatte mindestens ein hoher Fussballfunktionär ein schlechtes Gewissen und 2.5 Millionen Franken in die Konkursmasse bezahlt. Wer war das?
 
Das ist nicht bekannt. Nicht einmal darüber hat der ehemalige Konkursverwalter Auskunft gegeben. Er hat alles getan, um zu verhindern, dass diese Namen jemals bekannt werden. Da frage ich mich: Befinden wir uns eigentlich in einer Bananenrepublik?

- Sie machen happige Aussagen. Fürchten Sie keine Klage von Seiten Ernst & Young?

Nein, im Gegenteil. Ich würde mich darüber freuen. Dann würde endlich genau hingeschaut. Erst bei einem Gerichtsverfahren würde der ganze Schaden vom jahrelangem diskreten Werkeln des Konkursabwicklers in der breiten Öffentlichkeit bekannt.
 
- War der ausseramtliche Konkursverwalter, Herr Bauer, innerhalb der Ernst & Young für die Abwicklung der Milliardenpleite allein verantwortlich? 

Nein, Bauer ist eine kleine Nummer. Die Verantwortung wird schlussendlich immer von den Chefs getragen. Im Fall Ernst & Young war zum Beispiel Ancillo Canepa seit 1998 Mitglied der Geschäftsleitung. Er musste im Verlauf der ISMM/ISL-Geschichte den Hut nehmen. Heute ist er – nach eigenen Angaben – „ehrenamtlicher und unbezahlter“ Präsident des FC Zürich. Er meint offensichtlich, dass er vom Fussballgeschäft etwas versteht.
 
- Der Konkurs ist immer noch nicht abgeschlossen. Viele Firmen und Menschen haben noch Millionen und Abermillionen zu gut. Kämen die Gläubiger nicht zu noch mehr Schaden, wenn Untersuchungsrichter und Staatsanwälte dem Liquidator das Leben zusätzlich schwer machen würden?
 
Nein, denn Ernst & Young ist als Liquidator bereits per Ende 2005 in die Wüste geschickt worden, und zwar per Gerichtsentscheid. Jetzt ist mit Karl Wüthrich ein Profi am Ruder. Er ist auch für den Swissair-Konkurs zuständig. Als Vertreter der Gläubiger könnte er von einem Verfahren gegen Bauer nur profitieren.
 
Im aktuellen „Fall Zug“ hat er von seinem Vorgänger eine dermassen katastrophale Vorlage erhalten, dass es für die Gläubiger nicht mehr als ein paar mickrige Prozente Konkursdividende geben wird. Vergessen Sie eines nicht: Der Konkurs ist sieben Jahre her! Und viele anständige Leute und Firmen warten immer noch auf ihr Geld. Sie werden nur noch Brosamen erhalten.
 
- Trotz allem: Eine Firma wird von ihren Verwaltungsräten und der operativen Führung in den Konkurs geritten. Sie können doch die Verantwortung nicht auf Sachwalter, Liquidatoren und Revisoren abschieben.
 
Für das schlechte Geschäften nicht, das ist richtig. Aber halten Sie sich fest: Die ISMM/ISL hat ihre Schmiergeldzahlungen auf Empfehlung ihrer eigenen Revisionsgesellschaft, der KPMG, jeweils bei den Steuern abgezogen. Und die Eidgenössische Steuerverwaltung hat dies akzeptiert!

Wirtschaftsprüfer haben die Aufgabe, genau hinzuschauen. Es kann doch nicht sein, dass ein Laden unbekannte dunkle Typen in dreistelliger Millionenhöhe schmiert – und dass der offiziellen Revisionsgesellschaft dabei nichts besseres einfällt, als den luschen Financiers beim „Optimieren“ der Steuern zu helfen.
 
- Die Aufsichtsgesellschaft und die Steuerbehörden haben die Schmiergeldzahlungen also faktisch gefördert?

Nicht nur das. Sie wollten nicht einmal wissen, in wessen Taschen die Millionen gesteckt wurden. Der ehemalige Finanzchef (CFO) der ISMM/ISL Hans-Jürg Schmid hat am letzten Mittwoch unter Eid ausgesagt, dass die eidgenössischen Beamten keine Liste der Schmiergeldempfänger verlangt (und deshalb auch nicht erhalten) hatten! Die Männer mit der grossen hohlen Hand bleiben also unbekannt.
 
- Heisst das, dass Jean-Marie Weber das Geld auch in die eigenen Taschen hätte stecken können?
 
Ja, theoretisch fast jedes hinterletzte von den 1’380’000 geschmierten und verschwundenen Hunderternötlis. Ich denke jedoch nicht, dass er das getan hat. Auch wenn es im jetzigen Zeitpunkt komisch klingen mag: Ich bin überzeugt, dass er – auf seine ganz spezielle Art – ein Ehrenmann ist. Allerdings, vor Gericht hat er geschwiegen, und Belege gibt ist keine. Deshalb muss er sich solcherlei Spekulationen der Medien gefallen lassen.
 
- Die Höhe der Schmiergeldsummen hätte auch gereicht, um seinem Intimus Sepp Blatter von 1989 bis zum Konkurs im Jahr 2001 jedes Jahr eine zweistellige Millionensumme zuzuhalten?
 
Wenn Sie so fragen – ja. Fifa-Präsident Sepp Blatter hat in der letzten „Rundschau“ auf SF gesagt, dass er nie Schmiergelder entgegengenommen hätte. Obwohl es mehrere Versuche gegeben hätte, um ihn zu bestechen. Doch er sei standhaft geblieben. Ich glaube ihm das.
 
- Wie liefen denn solche Zahlungen ab? Richter Marc Siegwart hat am Mittwoch offenbar einen Fall präsentiert. Ominöse Personen, ominöse Konti, eine ominöse Stiftung, ominöse Briefkastenfirmen, ominöse Koffer voller Scheine.
 
In diesem Beispiel geht es um die Summe von 5.873 Millionen Franken. Erstens wurde das Geld über den Atlantik in einen Briefkasten (genannt „Sunbow“) auf den British Virgin Islands gesandt. Aus dem Karibikparadies floss die Kohle zurück an eine Sicuretta Anstalt im Fürstentum Liechtenstein. Dort hob es ein Innerschweizer Anwalt, Guido M. Renggli, in bar ab und reichte die Noten an Jean-Marie Weber weiter. Der ISL-Boss verteilte die Notenbündel an weitere Mittelsmänner oder die Endempfänger. Diese sind nicht bekannt. Das System ist kaum anders als beim grössten Teil der übrigen (mindestens) 132 Millionen Franken.

- Wissen wir all das nur, weil die FIFA im Mai 2001 gegen die ISMM/ISL geklagt hatte?

Das ist so. Und ich bin mir sicher, dass die FIFA diese Klage heute zutiefst bereut. Präsident Sepp Blatter wurde nicht nur in diesem Fall schlecht beraten. Deshalb wollte er die Arbeit des Untersuchungsrichters schon im Juni 2004 beenden lassen. Die FIFA hätte kein Interesse mehr an der Strafverfolgung. Anstatt die Untersuchungen zu beenden, stürmte Herr Hildbrand im November 2005 zusammen mit mehreren Polizeibeamten die FIFA-Büros in Zürich. Seit dem Zeitupunkt war die Fifa nicht mehr nur Klägerin. Für die Beobachter stand sie seit diesem Tag ebenfalls unter Verdacht.
 
- Wie konnte es so weit kommen?

In der Person von Urs Linsi baute Blatter in der Zeit nach dem ISMM/ISL-Konkurs auf einen unfähigen Generalsekretär. Um das „bewährte“ (und nicht verbotene) „Havelange-FIFA-Blatter-System“ am Leben zu erhalten, hätte er Linsi und dessen Lakaien erstens nie anstellen und zweitens nie mit derart vielen Kompetenzen ausstatten dürfen.
 
Doch jetzt sind die Dinge so wie sie sind. Und immer mehr Details rund um die Geschäftsgebaren der ISMM/ISL werden in der Öffentlichkeit bekannt.

- Was passiert jetzt?

Dieser Prozess wird die internationale Welt der Sportfunktionäre und der Verbände heftiger durchschütteln als alle bisherigen Affären zusammen. Köpfe werden rollen. Einer nach dem anderen. Denn – und ich wiederhole mich: Jean-Marie Weber und Sepp Blatter sind auf ihre (durchaus spezielle) Art „Ehrenmänner“, welche zu ihrem Wort stehen. Das heisst bei Herrn Weber, dass er die Namen der Schmiergeldempfänger auch bei der Fortsetzung des Prozesses Ende März/Anfang April nicht bekanntgeben wird. 
 
Das (mit dem Prädikat "Ehrenmann) ist bei anderen Sportfunktionären nicht der Fall. Wenn sie unter Druck kommen, werden sie die dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen. Um mit Gegenangriffen zu versuchen, ihr eigenes Hinterteil zu retten. 

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