Arbeitsloser ägyptischer Flugschüler - Jäh aus dem Traum gerissen.
9. Oktober 2007
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Der Rheintaler, Wiler Zeitung, diverse Zeitungen

Arbeitsloser Aegypter Ayman Shawkat, Fluschüler. Bericht im St. Galler Tagblatt.

Jäh aus dem Traum gerissen

Unauffälliger Familienvater – erst arbeitslos, dann Opfer der Ausländerfeindlichkeit eines SVP-Politikers

St. Gallen. Er lebt zusammen mit Frau und zwei Kindern unauffällig im St. Galler Oberzil-Quartier. Dann – nach einem perfid formulierten Vorstoss im Kantonsrat – war plötzlich nichts mehr wie vorher.

Markus Löliger

Ayman Shawkat lebt seit acht Jahren in der Schweiz. Vor sechs Jahren heirateten er und seine Partnerin Daniela. Vor vier Jahren kam Salma zur Welt, vor sechzehn Monaten Malak. Mutter Daniela und die beiden Mädchen haben das Schweizer Bürgerrecht, Vater Ayman ist Ägypter mit einer C-Bewilligung. Eine unauffällige Familie, wie es sie zu Tausenden gibt. Unbescholten auch – Ayman Shawkat arbeitet als Servicetechniker erst bei Swiss Dairy Food in Gossau, nach deren Zusammenbruch bei der Firma Golden Games in Staad.

Der Menschheitstraum

Neben der Arbeit und der Familie hat der 37-Jährige einen Traum, der ihn seit jüngster Kindheit verfolgt: das Fliegen. Sein Ziel ist – so lange er sich zurückerinnern mag – der Beruf eines Piloten. Als Knirps schleifte er Flugzeuge mit sich herum, wenn Gleichaltrige von Puppen oder Teddybären begleitet wurden. Auch Belohnungen hatten für Klein-Ayman nur eine Form – die eines Flugzeugs. Mit dem Kindervelo strampelte er regelmässig auf den nächsten Flugplatz, um Flieger beim Starten und Landen zu beobachten. Das «Flugfieber» dauert bis heute.

Er pflegt seinen Traum weiter, baut Modellflugzeuge, absolviert am PC Piloten-Simulationsprogramme, konsumiert Flugfilme. Dieses Jahr nahm er die ersten Flugstunden auf dem Flugplatz Altenrhein. Deren Finanzierung sparte er sich ab durch Verzicht aufs Rauchen und auf den Ausgang mit Freunden. Seinem Traum ordnete er alles unter.

Dann kam ein wirtschaftlicher Hammerschlag: Vor dreieinhalb Monaten wurde er arbeitslos: «Es lag nicht an meinen Leistungen», sagt Ayman Shawkat, «die Entlassungen erfolgten aufgrund einer Umstrukturierung der Firma.» Bedeutete das auch das Ende seines Traums?

Er wählte die Vorwärtsstrategie: Aufgrund eines kurzen Gesprächs mit seinem Berater des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) und beflügelt vom Beispiel eines ägyptischen Freundes, der in den USA die Pilotenausbildung machen konnte, erkundigte sich Shawkat, ob diese Ausbildung als unterstützungswürdige Leistung gewertet würde. Der Fall war für die Verwaltung klar: Das RAV lehnte eine Beteiligung an den Kosten klar ab.

Ausländerfeindlichkeits-Opfer

Doch damit war der «Fall» nicht erledigt – er fing erst richtig an. Ein unzimperlicher SVP-Kantonsrat befand die Geschichte gerade für richtig, um im Wahljahr sein ausländerfeindliches Süppchen daraus zu kochen. Schon der Titel des Vorstosses im kantonalen Parlament spricht Bände: «Die Ausbildung zum Privatpiloten – ein elementares und unabdingbares Menschenrecht für Arbeitslose mit nordafrikanischem Migrationshintergrund?», titelt Roland Büchel. Im ersten Satz wimmelt es von Begriffen wie «Terroristen» und «Gotteskrieger» «Islamisten» und «Taliban».

Kein Klischee aus der weltweiten Terrorszene, das der SVP-Mann nicht anklingen lässt. Zwar verpackte er den Vorstoss in die Form einer Hypothese, deklarierte den Fall schliesslich aber doch als Realität. Dass er gleichzeitig trotz klarem Nein des RAV im Kantonsrat den Eindruck zu erwecken versuchte, das RAV zahle, ärgerte nicht nur den zuständigen Regierungsrat Josef Keller, der dafür harte Worte findet.

Selbst der eigenen SVP-Fraktion schien das Vorhaben des Rheintaler Mitglieds nicht ganz geheuer: Jedenfalls stimmte nicht einmal die ganze eigene Fraktion für die Überweisung des Vorstosses, den das Ratsbüro als «unzulässig» bezeichnet hatte. Lediglich 25 Ja (bei 45 SVP-Ratsmitgliedern) gabs für den Vorstoss neben 115 Nein und 14 Enthaltungen. Damit war zwar der Vorstoss vom Tisch des Parlaments, nicht aber erledigt für den betroffenen Ayman Shawkat.

Jetzt stürmten Medien seine Wohnung – von «Schweiz aktuell» bis zum arabischen Sender «Al Jazira» wollten alle Auskunft und recherchierten im Umfeld.

Insbesondere Verantwortliche der Flugschule Altenrhein schürten den bereits angeheizten Terrorverdacht. So redete etwa deren Verwaltungsratspräsident Peter Arnold gegenüber dem Schweizer Fernsehen von «Larifari»-Verhalten des Flugschülers, um dann wörtlich zu erklären: «Angesichts der Umstände waren für uns die ersten Assoziationen jene mit den Flugschülern in Florida und dem Terroranschlag» in New York. Die Flugschule will Mitte Oktober entscheiden, ob und wie es mit dem Flugschüler weitergeht.

In Krise gestürzt

Ayman Shawkat sagt, er habe geweint, als er erfahren habe, dass er als Terrorist verdächtigt werde. Er könne kaum mehr schlafen. Und seine Frau Daniela bestätigt, dass ihr Mann in eine Krise geraten sei und sich verändert habe. Er könne nicht begreifen, sagt er, dass man in der Schweiz einfach Hunderttausende nur wegen ihrer Herkunft, Farbe oder Religion unter generellen Terrorverdacht stellen dürfe, ohne dass sich diese rechtlich wehren könnten. Das sei «Rassismus», sagt Shawkat: «Das macht mein Leben kaputt.»




Dazu ein Leserbrief vom 25. Oktober 2007:

«9/11» – Aufklärung tut not

«Jäh aus dem Traum gerissen», 8.10.07

Wegen seiner Flugleidenschaft wird ein ägyptischer Familienvater in Erinnerung an «9/11» plötzlich als möglicher Terrorist verdächtigt und gesellschaftlich geächtet. Kritische Fragen eines SVP-Kantonsrats lassen den Fall sofort bei «20 Minuten» und «Blick» heisslaufen: Gegenseitige massive Vorwürfe (Rassismus gegen die eine, Naivität gegen die behördliche Seite) verunmöglichen eine ruhige Analyse.

Die emotional aufgeladene Eskalation dieses Falles zeigt: Eine lückenlose Aufklärung der Geschehnisse vom 11. September 2001 auch unter dem Aspekt einer «False Flag Operation» täte dringend not.

Als «False Flag Operations» werden kriegerische Provokationen unter «falscher (feindlicher) Flagge» bezeichnet, um Angriffskriege als Verteidigungskriege ausgeben zu können. Das sind keine «Verschwörungstheorien»: Die Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist voll von solchen Ereignissen. Zu den berühmtesten Beispielen gehören der Mukden-Zwischenfall in der Mandschurei (18.9.1931 – Folgen: 2. Japanisch-chinesischer Krieg und damit 2. Weltkrieg in Asien); der Reichstagsbrand in Berlin (27.2.1933 – Folge: Aussetzung der Zivilrechte als pseudolegale Basis für die blutige Nazidiktatur); der Überfall auf den Sender Gleiwitz («Operation Himmler» am 31.8.1939 – Folge: Vorwand für Hitlers Einmarsch in Polen am 1.9.1939 und damit Beginn des 2. Weltkriegs).

Von Interesse sind auch die Dokumente der «Operation Northwoods» von 1962: Pläne der amerikanischen Geheimdienste, Vorwände für eine militärische Intervention in Kuba zu schaffen (u. a. Zerstörung eines angeblich mit ferienreisenden Studenten gefüllten Passagierflugzeuges, wofür Castro verantwortlich gemacht werden sollte). Präsident Kennedy lehnte sie rundweg ab. Er wurde am 22. November 1963 ermordet.

Dass die Auslandkorrespondenten der grossen Zeitungen (NZZ und Tages-Anzeiger und auch unser Tagblatt) zum Thema «9/11», der bislang grössten «False Flag Operation» aller Zeiten, einfach schweigen, ist ein unerträglicher Skandal. Hätten sie und ihre Kollegen weltweit ihre Pflicht erfüllt, wären solche Reaktionen wie jetzt gegen Herrn Shawkat nicht möglich. Sie offenbaren tiefes Misstrauen und Hass, die weidlich ausgeschlachtet werden. In diesem Klima werden auch blutige Angriffskriege toleriert (Afghanistan und Irak) und Pläne für neue «Operationen» mit unabsehbaren Folgen akzeptiert (Iran).

Felix Sachs Reherstr. 8a, 9016 St. Gallen

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