Journalistenfrage: Gibt es in Oberriet auch junge Frauen, die nicht SVP wählen?
25. Oktober 2007
Erschienen in: St. Galler Tagblatt, Der Rheintaler, Wiler Zeitung, diverse Zeitungen

SVP Sieg 2007 in Oberriet im St. Galler Rheintal. Der Rheintaler. "Im SVP-Land"


SVP Sieg 2007 in Oberriet im St. Galler Rheintal. Tagblatt.
SVP Sieg 2007 in Oberriet im St. Galler Rheintal. Tagblatt.

«Nur die SVP nimmt uns ernst»

Am nächsten Samstag geht es in der Mehrzweckhalle Burgwies exotisch zu und her. Eine Augenweide soll der Auftritt von Bauchtänzerin Leila werden; aus vollen Kehlen werden die Männer von Oberriet singen. Sie wollen das Publikum in den Orient entführen.

Im Osten liegt auch die 8000-Seelen-Gemeinde, hart an der Grenze zu Österreich. Die Exotik, die für die Abendunterhaltung des Männerchors Programm ist, gibt es im Alltag kaum. Der Kebab-Laden an der Staatsstrasse, die das unscheinbare Dorf wie eine Hauptschlagader durchzieht, ist fast ein Fremdkörper. Allenthalben nur gutbürgerliche Küche: im «Löwen», im «Sternen», in der «Krone», im «Frohsinn».

Der Ausländeranteil liegt viel tiefer als im übrigen Kanton oder in anderen Rheintaler Gemeinden. Gerade mal zehn Prozent der Dorfbewohner haben keinen Schweizer Pass. In den Dörfern Kriessern, Montlingen und Kobelwald, die zusammen mit Oberriet und Eichenwies eine politische Gemeinde bilden, muss man lange suchen, bis man auf Menschen aus fremden Kulturkreisen trifft. Die Behörden berichten, dass es in der Schule kaum Probleme gebe.

Jugendkriminalität, schwierige Integration von Ausländern, Deutsch für Fremdsprachige an der Unterstufe – alles kommt höchstens in Einzelfällen vor. Und dennoch: In keiner St. Galler Gemeinde hat die SVP am letzten Sonntag so viele Wähler dazugewonnen wie in Oberriet. Jetzt bringt es die SVP auf einen Wähleranteil von 53,9 Prozent. Dabei gibt es die Ortspartei erst seit zehn Jahren. Nur Eichberg, der Wohnort von SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter, der in unmittelbarer Nachbarschaft liegt, wählt noch strammer rechts.


«Jung, dynamisch, sympathisch»

Die Rheintaler haben harte Köpfe. Sie lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben. Weder von St. Gallen, noch von Bern, und schon gar nicht von Brüssel. «Warum ich SVP gewählt habe? Weil ich gegen den EU-Beitritt bin, und weil die kriminellen Ausländer weg müssen», sagt Erich Saxer vor dem Einkaufszentrum in Oberriet. Auch die Mutter des 51-jährigen Immobilienhändlers aus Eichberg hat SVP gewählt. «Sie hat ihr Leben lang für die FDP gestimmt. Jetzt ist sie für die SVP. Das Auftreten dieser Leute fasziniert sie. Jung, dynamisch, sympathisch.»

Begeistert ist auch Erich Saxer – von Jasmin Hutter und Christoph Blocher, der mit seinen Führungsqualitäten und seiner Persönlichkeit garantiere, dass es mit der Schweiz vorwärtsgehe. Von zwei Polizisten wurde Saxer kürzlich auf seinem Mountainbike angehalten, weil er ein Fahrverbot missachtet hatte. Die 30 Franken Busse haben ihn zur Weissglut getrieben. «In Bern, wo linke Chaoten wüten, ist die Polizei nirgends, Mountainbiker dagegen büsst sie.»

Es weht eine kalte Bise. Wir verlassen den Parkplatz vor dem Einkaufszentrum und gehen ins Café nebenan. Die beiden älteren Frauen am ersten Tisch wollen nicht über Politik sprechen. Umso interessierter sind dafür Margrith Sieber (61) und Rosa Lang (60), die am nächsten Tisch mit zwei Kolleginnen Kaffee trinken und plaudern. «Klar haben wir SVP gewählt», sagen die beiden Hausfrauen.

«Es ist die einzige Partei, die unsere Sorgen ernst nimmt», meint Sieber.

Was mit Sorgen gemeint ist, wird schnell klar: Es sind Ausländer, die sich nicht anpassen. Und solche gebe es viele, sagt Rosa Lang. Konkrete Beispiele? Kinder, die keine Anstandsregeln mehr kennen, oder ausländische Jugendliche, die in Gruppen unterwegs sind. «Ich verstehe einfach nicht, warum sie nie alleine auf die Strassen gehen. Immer im Rudel. Das tun unsere Buben nicht», sagt Lang. Früher haben die beiden Freundinnen die CVP gewählt. Doch diese Partei habe den Kontakt zur Bevölkerung verloren, merke nicht mehr, wo den Leuten der Schuh drückt. Was sie von der SVP erwarten sollen, wissen die beiden nicht so genau. «Vielleicht», sagt Sieber, «ändere sich auch nach dem SVP-Sieg nichts.»


Anti-Blocher kommt nicht an

Wählen vor allem ältere Leute SVP? Im Gegenteil. Von Beruf sei sie Gärtnerin, besuche aber derzeit im Kanton Zürich eine Bäuerinnenschule und sei daher nur noch selten in Oberriet anzutreffen, sagt eine junge Frau. Auf die Frage, was denn das Erfolgsrezept der SVP sei, hat sie rasch eine Antwort parat.

«Die SVP ist bei den Leuten.» Keine andere Partei hatte an der Dorfchilbi einen Stand – nur die SVP war vor Ort.

Und zweitens? Die Ausländer. Das Problem sei der hohe Ausländeranteil. Wirklich? Die Frau stutzt und insistiert nach kurzem Zögern: Doch, sie hätte schon mehrfach Asylbewerber mit neusten Schuhen und Handys gesehen. «Die könnte ich mir gar nicht leisten.»

Die nächste Frau, die wir ansprechen, sagt uns ihren Namen, dafür nicht die Partei, die sie am Sonntag gewählt hat. Es ist Sandra Gebs, 26-jährig, Absolventin einer Hotelfachschule, Mutter von zwei Kindern. «Ich gehe sonst nicht wählen, aber dieser Wahlkampf hat mich fasziniert.» Die Plakate, die Diskussionen in den Medien. Fast wie in Amerika. «Was mir an Christoph Blocher gefällt, ist seine Direktheit. Er sagt, was er denkt. Und er sucht den Kontakt zum Volk.» Die anderen Parteien hätten sich nur darauf beschränkt, Blocher schlecht zu machen. «Das ist doch kein Programm.»


Gibt es in Oberriet auch junge Frauen, die nicht SVP wählen?

Vor dem Bankautomaten scheinen wir fündig zu werden. Die angesprochene Gesundheitsfachfrau im Spital Altstätten ist erst 17-jährig und damit noch nicht stimmberechtigt. «Politik? Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt.» Dass sie es aber nach dem Erreichen des Stimmrechtsalters tun werde, daran lässt sie keine Zweifel. Und ebenso klar ist, welcher Partei sie dereinst ihre Stimme geben wird: der SVP. Weil diese etwas gegen kriminelle Ausländer unternehme. Ob sie schon negative Erfahrungen gemacht habe? «Nein, nicht direkt. Aber man hört halt so allerlei aus den Nachbardörfern.» Und was sie als junge Frau von der Frau-an-den-Herd-Politik der SVP halte? «Ich werde auch als Mutter mindestens ein 20-Prozent-Pensum beibehalten. Aber ich finde schon, dass sich ein Elternteil hauptsächlich um die Erziehung der Kinder kümmern sollte.»

Schon etwas länger mit Politik beschäftigt sich der Rentner, der den Einkaufswagen Richtung Eingang schiebt. Sein Leben lang hat er gewusst, wo seine politische Heimat liegt – bei der CVP. Nun hat er zum ersten Mal SVP gewählt und das mit 80 Jahren. Der Grund für den Gesinnungswandel: «Bei der SVP habe ich gemerkt, für was sie einsteht. Von den anderen Parteien habe ich nur erfahren, dass sie gegen Blocher sind. Das ist mir zu wenig.» Der SVP-Bundesrat ist auch beim nächsten Passanten im Pensionsalter ein Thema: «Wichtig ist, dass Blocher gewählt wird. Er ist ein Freiheitskämpfer wie früher der Tell.»

Dann finden wir sie doch noch. Menschen, die nicht SVP gewählt haben. Da wäre der pensionierte Lehrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Was sich die Leute von der SVP erhoffen, ist mir schleierhaft», sagt er. «Lassen sie sich Sand in die Augen streuen?» fragt sich auch Margrit Steiger, die 70-Jährige aus Oberriet. «So wahnsinnig menschenfreundlich ist diese Partei nicht, wie sie tut.»


«Ich bin ein Südamerikaner»

Es gehe darum Grenzen zu setzen, dafür zu sorgen, dass es nie so weit komme wie in anderen Ländern, wo ein korrupter Staat die Freiheit der Menschen beschränke, sagt Roland Rino Büchel.

Der umtriebige SVP-Kantonsrat fasst sein politisches Programm im Besprechungszimmer der elterlichen Garage zusammen. Seit 40 Jahren beschäftigt die Familie Grenzgänger aus Österreich. Nur gute Erfahrungen hätten sie damit gemacht, sagt der Oberrieter, der den Sprung in den Nationalrat als sechster der SVP-Liste verpasste, aber darauf hofft, für «Ständerat Brunner» nachzurutschen. Büchel, der an der Chilbi in Oberriet Unterschriften für die Ausschaffungs-Initiative sammelte, verdient sein Geld unter anderem mit Afrika.

Als Sportmanager betreut er Sponsoren des afrikanischen Fussballverbandes. Er hat nicht nur den Schwarzen Kontinent, sondern auch Südamerika unzählige Male bereist. «Schreiben Sie das. Ich bin im Herzen auch ein Afrikaner und Südamerikaner. Die Leidenschaft dieser Leute fasziniert mich», sagt Büchel und drückt uns zum Abschied einen Wahlprospekt mit einem grossen Schweizer Kreuz in die Hand. Darauf steht: «Für die Schweiz. Für St. Gallen. Für Sie.»

Stefan Schmid
Jürg Ackermann

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