Machtkampf in der Fifa - was sagt Nationalrat Büchel dazu?
10. Juli 2016
Erschienen in: Ostschweiz am Sonntag, Zentralschweiz am Sonntag

www.tagblatt.ch/nachrichten/schweiz/schweiz-sda/Machtkampf-in-der-Fifa-spitzt-sich-zu;art253650,4685345

 

Während Fifa-Präsident Gianni Infantino mit einem Verfahren der Ethikkommission rechnen muss, wird die Kritik am ehemaligen Chefaufseher Domenico Scala immer lauter. Dieser habe gegen frühere Lohnexzesse bei der Fifa zu wenig unternommen.

JÜRG ACKERMANN

ZÜRICH. In einem waren sich die Fifa-Beobachter nach der Ära Blatter einig. Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre werde mit Gianni Infantino an der Spitze vor allem eins einkehren: Ruhe. Doch dafür gibt es vier Monate nach Amtsantritt des 46jährigen Wallisers keine Anzeichen. Erst entmachtete Infantino Chefaufseher Domenico Scala, dann installierte er mit Fatma Samoura eine Generalsekretärin ohne Leistungsausweis im Fussball, und schliesslich liess er sich gemäss Fifa-internen Quellen Reisen im Privatjet – unter anderem zum Papst – von einem russischen Oligarchen bezahlen. Infantino muss nun wegen der unerlaubten Annahme von Geschenken mit einem Verfahren der Ethik-Kommission rechnen.

Insider gehen davon aus, dass es in den nächsten Monaten zu einem Showdown zwischen der Ethik-Kommission und dem Präsidenten der Fifa kommen dürfte. Für die Infantino-Kritiker ist dabei klar: Wenn das Komitee mit gleicher Schärfe urteilt wie bei früheren Verfahren, müsste der neue Fifa-Präsident mit einer Sperre belegt und damit vorläufig auch des Amtes enthoben werden.

Höchst vorteilhafte Klausel

Noch ist es aber nicht so weit. Infantino ist längst nicht der Einzige, der im Schussfeld steht. Kritik wird auch an der Tätigkeit von Fifa-Reformer Domenico Scala laut: Er habe als Präsident des Vergütungsausschusses zu wenig gegen frühere Lohn-Exzesse bei der Fifa unternommen und zweifelhafte Verträge, beispielsweise mit dem ehemaligen Fifa-Finanzchef Markus Kattner, genehmigt. Der Reihe nach: In einer aufsehenerregenden Aktion verhafteten Zürcher Kantonspolizisten am 27. Mai 2015 im Auftrag des FBI sechs hohe Fifa-Funktionäre im Nobel-Hotel Baur au Lac. Auf einen Schlag wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, wie tief sich Korruption und Bestechung in zentrale Stellen des Weltfussballverbandes gefressen hatten. Markus Kattner dagegen, der stellvertretende Fifa-Generalsekretär, dürfte die turbulente Zeit auch in guter Erinnerung haben. Nur vier Tage nach den Verhaftungen erhielt er einen üppig ausgestatteten neuen Arbeitsvertrag, der ihm neben einem Monatslohn von 80 000 Franken auch einen jährlichen Mindestbonus von 100 000 Franken garantierte und höchst vorteilhafte Klauseln enthielt: So muss bei einer vorzeitigen Trennung das komplette Gehalt bis zum Vertragsende 2023 ausbezahlt werden – unabhängig davon, ob eine Vertragsauflösung rechtlich begründet ist oder nicht. Zudem erklärte sich die Fifa bereit, für alle Verfahrenskosten aufzukommen, sollte Kattner strafrechtlich belangt werden.

Kattner wurde im Mai dieses Jahres vom neuen Fifa-Präsidenten Infantino tatsächlich entlassen. Wie viel Geld ihm trotz mutmasslicher Verfehlungen im Amt noch zusteht, klären jetzt die Anwälte. Beobachter staunen jedoch darüber, dass die Fifa Ende Mai 2015, als sie bereits mit dem Rücken zur Wand stand, solche Verträge mit goldenen Fallschirmen ausstellte – und dass diese von Domenico Scala, dem Chef der Fifa-Aufsichtsbehörde, unterzeichnet wurden. Von einem Mann, der dafür angestellt war, solche Exzesse zu verhindern und auf ein sauberes Geschäftsgebaren des Verbandes zu achten.

Bonus von zwölf Millionen

Scala, der die vom Fifa-Kongress im Februar verabschiedeten Reformen wie etwa eine Amtszeitbeschränkung für Exekutivmitglieder entscheidend prägte, gibt seit seinem Rücktritt keine Interviews mehr. Sein Sprecher Andreas Bantel weist darauf hin, dass Kattners Vertrag ausserhalb der Kompetenzen des Vergütungsausschusses gelegen habe. «Im Reglement der Fifa kann das jeder nachlesen.» Scala habe mit seiner Unterschrift einzig seine Kenntnisnahme bestätigt. «Er hat den Vertrag keineswegs gebilligt.»

Fifa-Kenner wie der St. Galler Nationalrat Roland Büchel bezeichnen dies als «formaljuristische Wortklauberei»: «Wann, wenn nicht in solchen Momenten, muss ein Audit-Chef einer Organisation eingreifen?» Es sei auch höchst unverständlich, warum Scala nicht viel früher auf die Lohnexzesse aufmerksam gemacht habe. «Wenn er in den entscheidenden Momenten über zu wenig Kompetenzen verfügt hat, um bei unredlichem Verhalten wirksam einzugreifen, dann hat auch Scala als willkommenes Feigenblatt gedient», kritisiert Büchel. Scala sei sehr wohl auch für die Vergütung von Kattner zuständig gewesen, heisst es auch bei der Fifa.

«Der Vergütungsausschuss hat dort, wo er entscheiden konnte, beherzt eingegriffen. So hat er Herrn Blatter einen Bonus von zwölf Millionen Franken wegen des laufenden Verfahrens der Ethikkommission gestrichen. Ein Feigenblatt hätte das sicher nicht getan», entgegnet Scalas Sprecher Bantel. Warum der Vergütungsausschuss nur bei Blatter, aber nicht beim der Korruption überführten ehemaligen Generalsekretär Jérôme Valcke handelte, erklärt Bantel damit, dass Blatters Bonus an die Mandatsdauer gekoppelt gewesen sei und im Sommer 2015 noch habe gestoppt werden können. Valckes Zwölf-Millionen-Bonus für die Durchführung der WM in Brasilien sei bereits Ende 2014 ausbezahlt worden.

Angeschlagener Infantino

Andere erklären das fehlende Durchgreifen Scalas mit allfälligen eigenen Ambitionen auf ein lukratives Amt bei der Fifa. Bantel bezeichnet dies als «faktenfreies Geschwätz»: «Scala hat in Interviews unmissverständlich klargemacht, dass er für keine operativen Aufgaben bei der Fifa zur Verfügung steht.» Zum Vorwurf, Blatter habe zu viel verdient, sagt Bantel: «Blatters Vertrag war für den 2013 eingesetzten Vergütungsausschuss ein Erbstück. Ein früher vereinbartes Salär kann in der Schweiz einzig mit einer Änderungskündigung reduziert werden. Der Vergütungsausschuss hatte dazu keine Kompetenzen.»

Für Fifa-Kenner bleibt es dennoch unverständlich, dass solche Verträge wie mit Kattner von Scala nicht gestoppt wurden. «Das grenzt an ungetreue Geschäftsführung», sagt ein Insider. Das Versagen von Infantino in den ersten 100 Tagen sei offensichtlich. «Er hat fast alle Fehler gemacht, die man machen kann.» Aber Scala im Gegensatz dazu als Heiligen darzustellen, verstelle das Bild.

Sicher ist: Die Gegner von Infantino, zu denen seit der Entmachtung am Fifa-Kongress in Mexiko auch Scala zählt, haben sich formiert. Sie führen den Kampf auf vielen Ebenen. Als die neue Fifa-Generalsekretärin vor zwei Wochen – wahrscheinlich auf Geheiss von Präsident Infantino – den Chef des internen Reisebüros und einen weiteren Mitarbeiter entliess, weil diese mögliche Verstösse Infantinos bei der Ethik-Kommission gemeldet hatten, wussten das drei Sonntagszeitungen gleichzeitig. Ein Zufall kann das nicht sein: Die Informationen dienen dazu, den angeschlagenen Infantino weiter zu destabilisieren.

Abzocker-Vorwürfe

Dass eine konzertierte Aktion im Gange ist, darauf deuten auch Aussagen des ehemaligen Fifa-Refor-mers Mark Pieth, der Infantino als Abzocker darstellt. Infantino sei schlimmer als Blatter, sagte der Anti-Korruptions-Experte dem «SonntagsBlick». Das ist mit Blick auf die Entschädigungen eine etwas eigenartige Sicht der Dinge. Während Blatter mit Fixlohn und allen Boni durchschnittlich über sieben Millionen Franken pro Jahr erhielt, muss sich Infantino mit fast viermal weniger begnügen. Infantino hat den bereits im März ausgestellten Arbeitsvertrag jedoch nie unterschrieben, weil er die von Scalas Vergütungsausschuss festgelegten zwei Millionen Franken Lohn im Vergleich zu seinem Vorgänger als «Beleidigung» empfand. Die Fifa sagt, die Sache werde bald geregelt, Infantino plane seinen Lohn öffentlich zu machen. Und dieser werde unter zwei Millionen liegen – ob mit oder ohne Boni wird sich zeigen.

Während Fifa-Präsident Gianni Infantino mit einem Verfahren der Ethikkommission rechnen muss, wird die Kritik am ehemaligen Chefaufseher Domenico Scala immer lauter. Dieser habe gegen frühere Lohnexzesse bei der Fifa zu wenig unternommen.

JÜRG ACKERMANN

ZÜRICH. In einem waren sich die Fifa-Beobachter nach der Ära Blatter einig. Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre werde mit Gianni Infantino an der Spitze vor allem eins einkehren: Ruhe. Doch dafür gibt es vier Monate nach Amtsantritt des 46jährigen Wallisers keine Anzeichen. Erst entmachtete Infantino Chefaufseher Domenico Scala, dann installierte er mit Fatma Samoura eine Generalsekretärin ohne Leistungsausweis im Fussball, und schliesslich liess er sich gemäss Fifa-internen Quellen Reisen im Privatjet – unter anderem zum Papst – von einem russischen Oligarchen bezahlen. Infantino muss nun wegen der unerlaubten Annahme von Geschenken mit einem Verfahren der Ethik-Kommission rechnen.

Insider gehen davon aus, dass es in den nächsten Monaten zu einem Showdown zwischen der Ethik-Kommission und dem Präsidenten der Fifa kommen dürfte. Für die Infantino-Kritiker ist dabei klar: Wenn das Komitee mit gleicher Schärfe urteilt wie bei früheren Verfahren, müsste der neue Fifa-Präsident mit einer Sperre belegt und damit vorläufig auch des Amtes enthoben werden.

Höchst vorteilhafte Klausel

Noch ist es aber nicht so weit. Infantino ist längst nicht der Einzige, der im Schussfeld steht. Kritik wird auch an der Tätigkeit von Fifa-Reformer Domenico Scala laut: Er habe als Präsident des Vergütungsausschusses zu wenig gegen frühere Lohn-Exzesse bei der Fifa unternommen und zweifelhafte Verträge, beispielsweise mit dem ehemaligen Fifa-Finanzchef Markus Kattner, genehmigt. Der Reihe nach: In einer aufsehenerregenden Aktion verhafteten Zürcher Kantonspolizisten am 27. Mai 2015 im Auftrag des FBI sechs hohe Fifa-Funktionäre im Nobel-Hotel Baur au Lac. Auf einen Schlag wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, wie tief sich Korruption und Bestechung in zentrale Stellen des Weltfussballverbandes gefressen hatten. Markus Kattner dagegen, der stellvertretende Fifa-Generalsekretär, dürfte die turbulente Zeit auch in guter Erinnerung haben. Nur vier Tage nach den Verhaftungen erhielt er einen üppig ausgestatteten neuen Arbeitsvertrag, der ihm neben einem Monatslohn von 80 000 Franken auch einen jährlichen Mindestbonus von 100 000 Franken garantierte und höchst vorteilhafte Klauseln enthielt: So muss bei einer vorzeitigen Trennung das komplette Gehalt bis zum Vertragsende 2023 ausbezahlt werden – unabhängig davon, ob eine Vertragsauflösung rechtlich begründet ist oder nicht. Zudem erklärte sich die Fifa bereit, für alle Verfahrenskosten aufzukommen, sollte Kattner strafrechtlich belangt werden.

Kattner wurde im Mai dieses Jahres vom neuen Fifa-Präsidenten Infantino tatsächlich entlassen. Wie viel Geld ihm trotz mutmasslicher Verfehlungen im Amt noch zusteht, klären jetzt die Anwälte. Beobachter staunen jedoch darüber, dass die Fifa Ende Mai 2015, als sie bereits mit dem Rücken zur Wand stand, solche Verträge mit goldenen Fallschirmen ausstellte – und dass diese von Domenico Scala, dem Chef der Fifa-Aufsichtsbehörde, unterzeichnet wurden. Von einem Mann, der dafür angestellt war, solche Exzesse zu verhindern und auf ein sauberes Geschäftsgebaren des Verbandes zu achten.

Bonus von zwölf Millionen

Scala, der die vom Fifa-Kongress im Februar verabschiedeten Reformen wie etwa eine Amtszeitbeschränkung für Exekutivmitglieder entscheidend prägte, gibt seit seinem Rücktritt keine Interviews mehr. Sein Sprecher Andreas Bantel weist darauf hin, dass Kattners Vertrag ausserhalb der Kompetenzen des Vergütungsausschusses gelegen habe. «Im Reglement der Fifa kann das jeder nachlesen.» Scala habe mit seiner Unterschrift einzig seine Kenntnisnahme bestätigt. «Er hat den Vertrag keineswegs gebilligt.»

Fifa-Kenner wie der St. Galler Nationalrat Roland Büchel bezeichnen dies als «formaljuristische Wortklauberei»: «Wann, wenn nicht in solchen Momenten, muss ein Audit-Chef einer Organisation eingreifen?» Es sei auch höchst unverständlich, warum Scala nicht viel früher auf die Lohnexzesse aufmerksam gemacht habe. «Wenn er in den entscheidenden Momenten über zu wenig Kompetenzen verfügt hat, um bei unredlichem Verhalten wirksam einzugreifen, dann hat auch Scala als willkommenes Feigenblatt gedient», kritisiert Büchel. Scala sei sehr wohl auch für die Vergütung von Kattner zuständig gewesen, heisst es auch bei der Fifa.

«Der Vergütungsausschuss hat dort, wo er entscheiden konnte, beherzt eingegriffen. So hat er Herrn Blatter einen Bonus von zwölf Millionen Franken wegen des laufenden Verfahrens der Ethikkommission gestrichen. Ein Feigenblatt hätte das sicher nicht getan», entgegnet Scalas Sprecher Bantel. Warum der Vergütungsausschuss nur bei Blatter, aber nicht beim der Korruption überführten ehemaligen Generalsekretär Jérôme Valcke handelte, erklärt Bantel damit, dass Blatters Bonus an die Mandatsdauer gekoppelt gewesen sei und im Sommer 2015 noch habe gestoppt werden können. Valckes Zwölf-Millionen-Bonus für die Durchführung der WM in Brasilien sei bereits Ende 2014 ausbezahlt worden.

Angeschlagener Infantino

Andere erklären das fehlende Durchgreifen Scalas mit allfälligen eigenen Ambitionen auf ein lukratives Amt bei der Fifa. Bantel bezeichnet dies als «faktenfreies Geschwätz»: «Scala hat in Interviews unmissverständlich klargemacht, dass er für keine operativen Aufgaben bei der Fifa zur Verfügung steht.» Zum Vorwurf, Blatter habe zu viel verdient, sagt Bantel: «Blatters Vertrag war für den 2013 eingesetzten Vergütungsausschuss ein Erbstück. Ein früher vereinbartes Salär kann in der Schweiz einzig mit einer Änderungskündigung reduziert werden. Der Vergütungsausschuss hatte dazu keine Kompetenzen.»

Für Fifa-Kenner bleibt es dennoch unverständlich, dass solche Verträge wie mit Kattner von Scala nicht gestoppt wurden. «Das grenzt an ungetreue Geschäftsführung», sagt ein Insider. Das Versagen von Infantino in den ersten 100 Tagen sei offensichtlich. «Er hat fast alle Fehler gemacht, die man machen kann.» Aber Scala im Gegensatz dazu als Heiligen darzustellen, verstelle das Bild.

Sicher ist: Die Gegner von Infantino, zu denen seit der Entmachtung am Fifa-Kongress in Mexiko auch Scala zählt, haben sich formiert. Sie führen den Kampf auf vielen Ebenen. Als die neue Fifa-Generalsekretärin vor zwei Wochen – wahrscheinlich auf Geheiss von Präsident Infantino – den Chef des internen Reisebüros und einen weiteren Mitarbeiter entliess, weil diese mögliche Verstösse Infantinos bei der Ethik-Kommission gemeldet hatten, wussten das drei Sonntagszeitungen gleichzeitig. Ein Zufall kann das nicht sein: Die Informationen dienen dazu, den angeschlagenen Infantino weiter zu destabilisieren.

Abzocker-Vorwürfe

Dass eine konzertierte Aktion im Gange ist, darauf deuten auch Aussagen des ehemaligen Fifa-Refor-mers Mark Pieth, der Infantino als Abzocker darstellt. Infantino sei schlimmer als Blatter, sagte der Anti-Korruptions-Experte dem «SonntagsBlick». Das ist mit Blick auf die Entschädigungen eine etwas eigenartige Sicht der Dinge. Während Blatter mit Fixlohn und allen Boni durchschnittlich über sieben Millionen Franken pro Jahr erhielt, muss sich Infantino mit fast viermal weniger begnügen. Infantino hat den bereits im März ausgestellten Arbeitsvertrag jedoch nie unterschrieben, weil er die von Scalas Vergütungsausschuss festgelegten zwei Millionen Franken Lohn im Vergleich zu seinem Vorgänger als «Beleidigung» empfand. Die Fifa sagt, die Sache werde bald geregelt, Infantino plane seinen Lohn öffentlich zu machen. Und dieser werde unter zwei Millionen liegen – ob mit oder ohne Boni wird sich zeigen.

 

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