Keine Angst vor Fifa-Wegzug bei Neuregelung
16. Juni 2016
Erschienen in: BZ Basel, Die Weltwoche Südostschweiz

www.bzbasel.ch/schweiz/neuer-anlauf-gegen-die-fifa-mafia-130354354

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Strategieänderung

Neuer Anlauf gegen die «Fifa-Mafia»

Politiker von SP bis SVP wollen internationale Sportverbände neuen Regeln unterwerfen.

Auch wenn der Fussball – von Hooligans abgesehen – dank der Europameisterschaft in Frankreich gegenwärtig in vorwiegend positivem Lichte erscheint, hat man die skandalösen Vorgänge um die Fifa in Bern längst nicht vergessen. Nicht nur, weil die Bundesanwaltschaft nach wie vor gegen Sepp Blatter ermittelt, den früheren Präsidenten des Weltfussballverbandes. Sondern auch, weil sich dessen Nachfolger Gianni Infantino genauso selbstherrlich gebärdet, als ob dies die DNA eines jeden Walliser Funktionärs so vorsähe. Die Hoffnung, der 46-Jährige möge es mit dem vor seiner Wahl im Februar demonstrierten Reformwillen ernst meinen, ist längst Resignation gewichen. Auch im Bundeshaus.

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«Die Schweizer Politik hat zu lange weggeschaut», sagt der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Jetzt, wo mit Infantino nichts, aber auch wirklich nichts besser geworden ist als unter Blatter, ist unser Geduldsfaden endgültig gerissen.» Mit einem gemeinsam mit dem St.  Galler SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel formulierten Postulat fordert er nun den Bundesrat auf, die bisherige Strategie im Umgang mit internationalen Sportverbänden – und damit vor allem der Fifa – von Grund auf zu überdenken. Unterstützt wird der Vorstoss von den Parteipräsidenten Martin Bäumle (GLP), Martin Landolt (BDP) und Gerhard Pfister (CVP) sowie den Nationalräten Balthasar Glättli (Grüne) und Hans-Peter Portmann (FDP), sprich Vertretern aller Fraktionen.

Keine Angst vor einem Wegzug

Konkret fordern die Parlamentarier die Regierung auf, in einem Bericht aufzuzeigen, wie die Rechtsform der Sportverbände – die bisher als Vereine gelten – verändert werden könnte und ob man sich hiervon Verbesserungen hinsichtlich Transparenz und «Good Governance» versprechen könnte. Explizit wird etwa das Unverständnis darüber kundgetan, dass grosse Sportverbände heute steuerlich viel besser gestellt sind als vergleichbare Unternehmen aus der Privatwirtschaft (siehe Kasten). «Die Fifa – längst ein durchkommerzialisiertes Milliardenunternehmen der globalen Unterhaltungsindustrie – ist kein Verein», sagt Wermuth. «Dafür war das Vereinsrecht nie gedacht.» Büchel, der als SVP-Vertreter staatlichen Regulierungen für gewöhnlich skeptisch gegenübersteht, ergänzt: «Der staatliche Eingriff ist gravierender, wenn wir einen derart auf Profit getrimmten Verband wie die Fifa als Verein behandeln und ihn so in Steuerfragen im Unterschied zur Konkurrenz mit Samthandschuhen anfassen.» Doch zöge die Fifa nicht einfach aus der Schweiz weg, wenn sie nicht mehr wie bisher bevorzugt behandelt würde? «Nie im Leben», sagt Sportmanager Büchel, der einst selbst bei der Fifa arbeitete. «Ein Umzug aus dem Grund, hier nicht mehr schalten und walten zu können, wie man will, wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln.» Auch Wermuth glaubt nicht, dass die Fifa nach Katar oder in ein vergleichbares Land abwandern würde, wie oft gewarnt wird. «Die Werte des Sports könnten aus einem derart autoritär regierten Staat nicht glaubwürdig vertreten werden.»

Mehr Gefahr droht von der Justiz

Die Durchschlagskraft des Postulats, das heute eingereicht wird, sollte man nun freilich nicht überschätzen. Wenn sich das Parlament in der Herbstsession für den Bericht ausspricht, dürfte mindestens ein Jahr verstreichen, bis der Bundesrat diesen auch wirklich vorlegt. Und bis dann allfällige Gesetzesänderungen greifen, dauert es drei, vier weitere Jahre. Mehr Gefahr als aus der Schweizer Politik droht der Fifa und deren Funktionären also nach wie vor von der Schweizer und vor allem der US-amerikanischen Justiz. Wenn letztere die Fifa als mafiöse Organisation einstufen sollte, würden sich wohl sämtliche Sponsoren zurückziehen und die Geldflüsse schlagartig versiegen.

Dennoch ist Wermuth überzeugt, dass es nun höchste Zeit sei, um aktiv zu werden: «Es wäre beschämend für die Schweizer Demokratie, wenn wir weiterhin beide Augen verschlössen und warteten, bis der Weltpolizist USA mit zweifelhaften Motiven unser aussen- und sportpolitisches Versagen kompensiert, indem er das Fifa-Gebaren als das brandmarkt, was es ist: mafiös. Die Schweiz muss sich dieses Problems als souveräner Staat annehmen.»

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 © Roland Rino Büchel Realisiert durch RightSight.ch