Büchel: Fehlverhalten von Fifa-Funktionären weckt Politik erneut
3. Juni 2016
Erschienen in: St. Galler Tagblatt Online

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Die Eigentore des Fifa-Präsidenten

Fifa-Präsident Gianni Infantino ist noch nicht einmal 100 Tage im Amt und steht bereits heftig in der Kritik. Es fehlten ihm das politische Flair und die Sensibilität fürs Amt, sagen Beobachter. Das verheisst für den Weltfussballverband nichts Gutes.

Jürg Ackermann

FIFA. Die Hoffnungen waren gross. So gross, dass mancher dachte, mit Gianni Infantino an der Spitze des Weltfussballverbandes werde nun alles besser. Doch der Walliser ist nicht einmal 100 Tage im Amt, und es beginnt bereits wieder überall zu rumoren. Von Komplottvorwürfen ist die Rede, von Geldgier und vor allem auch von einer grossen Unsensibilität seinem Amt gegenüber.

Eine erste Welle der Kritik ergoss sich über Infantino, als er Mitte Mai am Fifa-Kongress in Mexiko zum erstenmal seine präsidiale Macht mit voller Wucht ausspielte. Wie diese Woche aufgetauchte Tonaufnahmen suggerieren, soll Infantino eine Verschwörung inszeniert haben, um den zwar ungeliebten, aber für den Ruf der Fifa wichtigen Chefaufseher Domenico Scala loszuwerden. Wie "Tagesanzeiger.ch" berichtet, soll der Präsident in diesem Zusammenhang gar die Vernichtung eines Audio-Mitschnitts einer Sitzung verlangt haben.

Scala trat in der Folge von alleine zurück. Dann installierte Infantino in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Senegalesin Fatma Samoura, die bisher mit dem Fussball nichts zu tun hatte, als neue Fifa-Generalsekretärin. Markus Kattner, der den Posten interimistisch innehatte, wurde fristlos gefeuert. Zudem berichteten verschiedene Quellen, dass Infantino mit dem ihm angebotenen Lohn von zwei Millionen Franken nicht zufrieden sei.

Politik der vielen Reisen
Infantino hat bisher zu den Vorwürfen geschwiegen. Mit einem Gastkommentar in der NZZ versuchte er sich vor zwei Wochen zwar etwas Luft zu verschaffen. Die massiven Anschuldigungen konnte er bisher jedoch nicht entkräften. Interview-Anfragen lehnt er ab. Stattdessen setzt er die "Politik der vielen Reisen" von Amtsvorgänger Sepp Blatter fort. Am vergangenen Sonntag erhielt Infantino eine Audienz beim Papst, wie ein gestern von der Fifa veröffentlichtes Video zeigt. Und am Mittwoch besuchte er Wladimir Putin im Zusammenhang mit Vorbereitungen für die WM 2018. Gemäss Insidern war der Walliser am Fifa-Hauptsitz in Zürich bisher kaum präsent.

"Infantino unterschätzt die Dynamik völlig. Mit seinem Verhalten hat er die Politik wieder aufgeweckt", sagt Roland Büchel, St.Galler SVP-Nationalrat und langjähriger Fifa-Beobachter. Der australisch-schweizerische Unternehmer Jaimie Fuller, der vor zwei Jahren die Bewegung "New Fifa Now" gründete, äussert sich noch unverblümter: Infantinos Amtsführung zeige, dass die Fifa unfähig sei, sich selber zu reformieren. Es führe kein Weg daran vorbei, sie von Grund auf neu aufzubauen.

"Lex Fifa" tritt in Kraft
Die Enttäuschung ist auch darum gross, weil Infantino nach der Wahl Ende Februar die Erwartungen selber in die Höhe schraubte. Er wolle die Fifa aus der dunklen Zeit der Vergangenheit führen, sagt er allenthalben. Doch von der vielverkündeten "Ära der Transparenz" ist wenig zu sehen. Sicher ist: Der Druck bleibt hoch. Sowohl die US-Justiz als auch die Schweizer Bundesanwaltschaft ermitteln weiter. Öffentlichkeit und Politik sind gegenüber moralischen Verfehlungen von hohen Fifa-Funktionären spätestens seit den Verhaftungen vor einem Jahr im Zürcher Hotel Baur au Lac in hohem Masse sensibilisiert. Und seit Anfang Jahr gelten hohe Fifa-Funktionäre in der Schweiz als PEP, als politisch besonders exponierte Personen. Zudem tritt auf den 1. Juli die "Lex Fifa", das neue Korruptionsstrafrecht, in Kraft.

Besteht nur der leiseste Verdacht auf Bestechung, müssen die Behörden von Amtes wegen ermitteln. "Das könnte für Infantino schnell ungemütlich werden, wenn er sich tatsächlich etwas zuschulden hat kommen lassen", sagt Büchel. Wie "10 vor 10" am Mittwoch berichtete, hat die Ethikkommission der Fifa wegen zahlreicher Anzeigen bereits Voruntersuchungen gegen ihren Präsidenten aufgenommen. Dass derzeit fast alle Fifa-Interna nach aussen dringen, zeigt das Machtvakuum, das nach dem Abgang von Blatter entstanden ist und weist auf die vielen Gegner hin, die Infantino bei der Fifa offenbar hat.

"Ein reiner PR-Gag"
Wenn Infantino so weitermache, werde er seine Amtsperiode kaum zu Ende führen, sagt Fifa-Kenner Guido Tognoni. "Anstatt eine interne Beruhigung herbeizuführen, hat er neue Fronten aufgerissen. Infantino hat nicht gemerkt, dass er unter extremer Beobachtung steht. Das politische Flair für dieses Amt fehlt ihm."

Die Ernennung von Fatma Samoura als Generalsekretärin bezeichnet Tognoni als "reinen PR-Gag". Es verheisse nichts Gutes, wenn der wichtigste Posten der Fifa von einer Person besetzt sei, die vom Fussball offensichtlich keine Ahnung habe.

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